Ein Stummfilm von 1983

LE BAL
(Frankreich 1983)
Mit dem Théâtre du Campagnol
Regie: Ettore Scola

Die Stummfilmzeit war 1929, zumindest im Kino der westlichen Hemisphäre, unwiederbringlich vorbei.
Doch alle paar Jahre gelangt ein „moderner“ Stummfilm in die Kinos und macht von sich reden. Dieses Jahr war es The Artist.  Ein weiteres bekanntes Beispiel ist Mel Brooks‘ Silent Movie von 1976.
1983 drehte Ettore Scola (Una giornata perticolareLa famiglia) einen weiteren Stummfilm, an den sich heute nur noch wenige erinnern: Le bal. Der Film erregte damals immerhin soviel Aufsehen, dass er sogar in die Schweizer Kinos kam.

Von den drei oben erwähnten „neuen Stummfilmen“ weiss Le bal am deutlichsten zu überzeugen, vielleicht gerade deshalb, weil er den Stummfilm nicht, wie die beiden anderen Beispiele, thematisiert, sondern weil er, unprätentiös und ohne dies gross hervorzuheben, einfach einer ist.

Genauer Beobachter menschlicher Schwächen und Verhaltensweisen: Der Regisseur Ettore Scola

Entstanden ist er dank eines Bühnenspektakels des französischen Théatre du Campagnol, einer pantomimischen Revue zum Thema Gesellschaftstanz. Le bal feierte auf französischen Bühnen grosse Erfolge, und einen der Besucher, den Regisseur Ettore Scola, begeisterte unter anderem das filmische Potential des Stoffes. Mit der Vorstellung einer getanzten Hommage an die Geschichte des Kinos setzte er sich mit dem Leiter der Theatertruppe, Jean-Claude Penchenat, zusammen. Was dabei, unter Mitwirkung der Drehbuchautoren Ruggero Maccari und Furio Scarpelli und herauskam ist aber mehr als eine Würdigung der Filmgeschichte: Le bal – der Film entwirft ein Panorama der menschlichen Schwächen und Grösse vor dem Hintergrund fünf vorbeiziehender Jahrzehnte.

Dabei wird die Stummfilmkomponente nie extra hervorgehoben oder betont, wie das etwa bei The Artist auf eher unangenehme, weil pentrante Art der Fall ist. Le bal ist ein Stummfilm, weil sein Ursprung in der Pantomime liegt. Und obwohl das Thema Stummfilm nie erwähnt wird, wird es in dem Film doch gespiegelt: Einerseits wird ersichtlich, dass der Ursprung dieser Kunstform in der uralten Bühnenform der Pantomime liegt, die unabhängig von jeglicher filmischen Entwicklung noch heute existiert, andererseits erkennt der Betrachter, dass eine Übertragung dieser Bühnenform ins Filmische heute noch immer möglich ist – unter der Voraussetzung eines aufgeschlossenen Publikum natürlich. Der riesige Erfolg von The Artist bewies jüngst auf eindrückliche Weise, dass ein solches durchaus vorhanden ist.

Le bal beginnt einem Ballsaal im Heute des Jahres 1983 – die Kamera wird den Saal bis zum Filmende nicht verlassen. Die Einheit des Ortes ist durch die Bühnenvorlage gegeben, der Film hält sich an die Vorgabe. Die Zeiten und die Figuren ändern, der Saal (und dessen Oberkellner, der zum festen Inventar zu gehören scheint) bildet die Konstante, an der die Brandung des Lebens und der Schicksale sich bricht. Das Interieur des Saals wird vom Zeitenlauf immer wieder verändert und lässt auf diese Weise – zusammen mit der Mode und der Musik – die Dekade erkennen. Zwischentitel gibt es keine, auch keine Ankündigungen wie „Paris 1936“.

Zuerst betreten die Frauen den Saal, eine nach der anderen. In stummem Defilee, zu Discomusik präsentieren sie sich allein durch ihre Schritte, ihre Gesten und ihre Mimik als scharf umrissene Charaktere. Vom ersten Auftritt an ist bereits eine Choreografie wirksam. Die Art, wie die Damen sich bewegen, den Raum einnehmen, einander umkreisen verrät  das tänzerische Element, bevor getanzt wird. Hauptakteur ist dabei die Kamera – und sie wird es den Rest des Films über bleiben. Ihre sanft kreisenden, schwebenden Bewegungen evozieren den Tanz, bevor er begonnen hat.
Dann haben die Herren der Schöpfung ihren Auftritt – im Gegensatz zu den Damen als Gruppe. Was sich daraus entwickelt ist eine pointierte Studie menschlichen Balz- und Gruppenverhaltens, die mit einer weit ausholenden Rückblende in einen Reigen musikalisch-tänzerischer Reminszenzen an ein halbes Jahrhundert mündet.

Die Rückblende spielte bereits in vielen von Scolas Vorgängerfilmen eine Rolle (z. Bsp. C’eravamo tanto amati 1974, oder La nuit de Varennes 1982), und auch in den folgenden Werken wie Maccheroni, La famiglia und Splendor wird sie als entscheidendes Erzählmittel benutzt. „Der Lauf der Zeit“ interessierte Scola, er durchzieht sein Werk als roter Faden, um ihn herum hat er einige wunderbare Filme geschaffen .

Auch die bereits erwähnte „Einheit des Ortes“ gehört mit zu Scolas Markenzeichen, ebenso wie die stets als solche erkennbaren Kulissen, welche die Künstlichkeit des Mediums Film dem Betrachter stets vergegenwärtigen.

Für Le bal arbeitete Scola erstmals mit Laiendarstellern zusammen; einige der Leute vom Théâtre du Campagnol traten danach in keinem weiteren Film mehr auf, während mindestens zwei von ihnen, Marc Berman und Jean-François Perrier mit Le bal für den Film entdeckt wurden und bis heute als Nebendarsteller in Film und Fernsehen arbeiten.
Ihr pantomimisches Spiel kommt den Karikaturen sehr nahe, welche der junge Scola nach Abschluss eines Jurastudiums für satirische Zeitschriften wie Marc‘ Aurelio anfertigte. Der Hang zur Karikatur ist in den meisten seiner Filme erkennbar, lustvoller und expliziter als hier lebt er ihn wahrscheinlich in keinem anderen Werk aus. Dabei veränderte er die Figuren der Bühnenvorlage – allesamt bereits als Karikaturen angelegt – nur wenig, wies die Schauspieler an, ihr Spiel um ein Leichtes mehr zu übertreiben, noch gebeugter zu gehen, noch verkrampfter, noch lässiger. Daraus resultiert ein trotz fremder Vorgabe „echter Scola“ und man kann es als Glücksfall sehen, dass Jean-Claude Penchenat während der Dreharbeiten Grösse zeigte und den Filmemacher gewähren liess, auch wenn er mit dessen Vorschlägen nicht immer einverstanden war.

Le bal spiegelt die sorglosen Dreissigerjahre, die kriegsgebeutelten Vierzigerjahre, die von Amerikanismen beherrschten Fünfzigerjahre, die 68er-Zeit und als Klammer das (damalige) Heute. Als „Sprungbrett“ ins nächste Jahrzehnt dienen Bilder an den Wänden. Scola löst das folgendermassen: Eine Szene gefriert zum Standbild, die zurückzoomende Kamera enthüllt dieses als an der Wand hängende Fotografie, die den Ballsaal im nächsten Jahrzehnt schmückt, in welches der Film nun eintaucht. Eine so gestaltete Überleitung hatte ich bislang – und seither – noch in keinem anderen Film gesehen.

Defilee der Männer: Anfangssequenz aus „Le bal“

1936: Auch Pépé le Moko gibt sich die Ehre

Das besetzte Frankreich: Der Tanz mit dem Kollarborateur

Le bal ist im deutschsprachigen Raum leider (noch?) nicht auf DVD erhältlich. Die zur Rezension beigezogene DVD stammt aus Frankreich, von TF1 Video. Die DVD enthält zusätzlich zum Film ein ausführliches Interview mit Jean-Claude Penchenat und Ettore Scola und einen TV-Film über die Bühnenproduktion von Le bal.
Eine lohnende Anschaffung – nicht nur für Stummfilmfreunde!

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