Tonfilm-Seitensprünge, Sammelbeitrag Mai

Ich gebe es zu: Mein Versuch, den Tonfilm in einen Zweitblog auszulagern, ist gescheitert. Mangels Zeit. Mangels guter Tonfilme und, damit zusammenhängend, mangels Lust.
In meiner Blog-Pause habe ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht, wie ich beide Blogs unter einen Hut bringen kann – den dritten, den Trickfilmblog habe ich dabei endgültig beerdigt.

Das Ergebnis ist nichts Neues. Die „Tonfilm-Seitensprünge“ bleiben. Allerdings werde ich nur noch die herausragenden, hochoriginellen, hochinteressanten Tonfilme mit einem längeren Beitrag würdigen. Alle anderen Tonfilme kommen in einen Topf, der hier in unregelmässigen Abständen geleert wird. Wie das aussieht, kann man unten begutachten. Viel Spass beim Lesen und – vielleicht – entdecken!

The Russians are Coming! The Russians are Coming!
(dt.: Die Russen kommen!)
USA 1966; Mit Alan Arkin, Carl Reiner, Eva Maria Saint, Theodore Bikel u.a.; Drehbuch: William Rose; Regie: Norman Jewison
Vor einer kleinen Insel des US-Bundesstaates Massachusetts strandet, von der Bevölkerung zunächst unbemerkt, ein russisches U-Boot. Der Kapitän wollte nur einen kurzen Blick auf Amerika werfen, dabei lief das Boot in den Sandbänken auf Grund.
Ein Trüppchen Matrosen muss nun unter der Leitung  von Leutnant Rozanov an Land gehen und ein Motorboot auftreiben, mit dessen Hilfe das gestrandete Schiff aus dem Sand gezogen werden könnte.
Natürlich bleiben die Russen nicht unentdeckt. Der Trupp erreicht zunächst das abgelegene Ferienhäuschen des aufgeschlossenen New Yorker Theaterautors Walt Whittaker, doch die Kunde von der „Invasion“ erreicht sehr schnell den Hauptort, wo sich sofort eine mit Mistgabeln und Knarren bewaffnete Bürgerwehr formiert, welche sich über die Autorität des Sheriffs hinwegsetzt und gnadenlos Hatz auf die „roten Hunde“ macht.
Ein filmkomödiantisches Dokument aus der Zeit des kalten Kriegs, welches die damals herrschende Massen- und Russenhysterie gekonnt aufs Korn nimmt und bei der die Amerikaner nicht eben gut wegkommen, weil sie als bornierte, einfältige Hinterwäldler erscheinen, die sofort zur Selbstjustiz greifen und sich den Vorwand dazu mit Hilfe ihres eindimensionalen Weltbildes selbst zurechtzimmern.
Dass das Ganze mit etwas zuviel Klamauk und Slapstick serviert wird, schwächt die Aussage zeitweilig etwas ab, vor allem weil sie im Geschrei einiger etwas allzu dick auftragender Akteure (allen voran Jonathan Winters) immer wieder unterzugehen droht.
Heute ist The Russians are Coming! ein amüsante und höchst unterhaltsame Reminiszenz an den kalten Krieg, die das damalige Klima satirisch insgesamt gekonnt überspitzt. Es erstaunt aus heutiger Sicht nicht, dass dies einer der wenigen amerikanischen Filme jener Zeit war, in denen die Russen als ganz normale Menschen erscheinen. Das lehnten die Betonkopf-Politiker damals zwar ab, trotzdem erhielt The Russians are Coming! einen golden Globe in der Kategorie „Musical and Comedy“ als bester Film und Alan Arkin als bester Hauptdarsteller, und eine Oscar-Nomination für den besten Film (der dann allerdings an A Man for all Seasons ging).
Meine Wertung: 8/10
Eine deutschsprachige DVD des Films ist erhältlich.

The Battle of the Sexes
(dt.: Mr. Miller ist kein Killer)
UK 1959; Mit Peter Sellers, Constance Cummings, Robert Morley, Ernest Thesiger u.a.; Drehbuch: Monja Danischewsky; Regie: Charles Chrichton
Angela Barrows, eine amerikanische Karrierefrau, wird von ihrer Firma nach Edinburgh geschickt („endlich sind wir die los“) und trifft im Zug auf den Junior-Chef einer traditionsreichen Tweed-Firma. Da der Papa soeben das Zeitliche gesegnet hat, wird der leichtlebige Sohn aus London herbeizitiert, um das Ruder im Tweed-Geschäft zu übernehmen. Miss Barrows beschliesst, dem in Geschäftsdingen absolut unerfahrenen Junior unter die Arme zu greifen und die heillos rückständige Firma aufzumöbeln. Doch da hat sie die Rechnung ohne die (völlig überalterten) Mitarbeiter gemacht! Vor allem der distinguierte Mr Martin sieht die alten Werte bedroht und plant den Gegenschlag. Dabei droht er gar, zum Verbrecher zu werden…
Ganz in der Tradition der klassischen Englischen Komödien geht The Battle of Sexes das damals an Aktualität gewinnende Thema „Frauenpower“ an. Dass das Dehbuch von einer Frau stammt, schwächt die aus heutiger Sicht reaktionäre Sichtweise etwas ab. Das andere „Gegenmittel“, das bewirkt, dass man diesen Film noch heute in vollen Zügen geniessen kann, heiss „englischer Humor“! Da die Engländer über sich selbst lachen können, kriegen hier auch die Herren der Schöpfung ihr Fett weg. Zudem ist das Ganze viel zu charmant in Szene gesetzt, als dass man sich über Dinge wie reaktionäre Sichtweisen empören möchte. Schliesslich ist der Film auch ein Zeitbild, und durch diese Brille betrachtet bietet er durchwegs glänzende Unterhaltung auf hohem Niveau! Die gesamte schauspielerische Belegschaft – bis hin zur letzten Nebenrolle – ist glänzend besetzt und in bester Spiellaune. Peter Sellers gibt den alten Mr Martin grandios (er zählte bei den Dreharbeiten gerade mal 34 Lenze), und Robert Morley ist schlichtweg zum knuddeln als überschwänglich-sympathischer Einfaltspinsel.
Meine Wertung: 8/10
Eine deutschsprachige DVD des Films ist erhältlich.

From Time to Time
(dt.: From Time to Time)
UK 2010; Mit Maggie Smith, Alex Etel, Pauline Collins, Timothy Spall, Hugh Bonneville, Carice van Houten, u.a.; Drehbuch und Regie: Julian Fellowes
Der 13jährige Tolly verbringt das Weihnachtsfest 1944 bei seiner Grossmutter auf dem Familienlandsitz „Green Knowe“. Seine Mutter sucht in London nach dem im Krieg verschollenen Vater. Über der ganzen Handlung steht Tollys Hoffnung und die Gewissheit der Erwachsenen über das Schicksal des Soldaten.
Als Tolly durch das alte Gemäuer streift, erscheint ihm plötzlich der Geist eines früheren Bewohners. Mit der Zeit entdeckt er, dass er in dessen Vergangenheit „eintauchen“ kann, und er erlebt jene dramatische Geschichte, die sich vor 200 Jahren hier abgespielt hat.
Ein ganz eigener Film, der sich jeder Kategorisierung entzieht. From Time to Time ist einer jener Filme, die ihre Sogwirkung aus dem Umstand beziehen, dass man als Zuschauer nicht weiss, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Gespannt verfolgt man jede neue Wendung und bleibt bis zum Schluss aufmerksam dabei. Die durchs Band hervorragenden Schauspieler helfen dabei natürlich ungemein. Regisseur/Autor Fellowes bringt die immer wieder überraschenden Wendungen geschickt und mit grösstmöglicher Unaufgeregtheit ein. From Time to Time ist ein sehr ruhiger, fast kontemplativer Film, der mit schönen Bildern und gut dosierter Musik zu bezaubern weiss.
Da man nach dem Ende noch immer nicht genau weiss, worauf der Film eigentlich hinauswollte, endet der an sich schöne Film mit einem leicht enttäuschenden Wehrmutstropfen.
Meine Wertung: 7/10
Eine deutschsprachige DVD des Films ist erhältlich.

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Ein Kommentar

  1. Das sieht vielversprechend aus – und dürfte auch Leser bringen, die Stummfilme zu ignorieren pflegen. 🙂 Von „Gone With the Wind“ erwarte ich natürlich eine Besprechung, die die Länge dieses Sammerlbeitrags um ein Mehrfaches überschreitet. Allein schon deine Gedanken zu den Roben der Südstaaten-Schönheiten dürfte reichlich Platz in Anspruch nehmen. – He, warum gebe ich dir Tipps, die eigentlich mir gehören? 😀

    P.S.: Mit deinem Blog „Film!“ verfahren wir wie gewohnt. Er bleibt sechs Monate lang in unserer offiziellen Blogroll und wird erst bei bleibender Inaktivität verschoben.

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