Surrealismus und Slapstick

THE HAUNTED HOUSE
USA 1920
Mit Buster Keaton, Virginia Fox, Joe Roberts u.a.
Regie: Buster Keaton und Edward F. Cline
Dauer: 20 min.

Buster arbeitet am Schalter einer Bank. Als diese überfallen wird, steht er dank einer Verkettung unglücklicher Umstände als der Schuldige da und muss flüchten.
Auf der Flucht befindet sich auch eine Theatertruppe – und zwar vor dem tobenden Publikum; ihre Aufführung des „Faust“ musste Hals über Kopf abgebrochen werden. Beide, der Bankangestellte und die noch kostümierten Theaterleute finden Zuflucht in einem alten, leer stehenden Haus. Nur das Publikum weiss, dass die Bankräuber dieses Haus besetzt halten und es zwecks Abschreckung Neugieriger als Spukhaus getarnt halten.

Das Spukhaus war zur Stummfilmzeit ein beliebtes Sujet für ausgelassene Komödien. Keatons Version ist besonders wild und überschreitet immer wieder die Grenze zum Surrealismus. Luis Buñuel dürfte da einiges an Inspiration hergeholt haben. Es gibt eine denkwürdige Sequenz, in der zwei als Skelette maskierte Gestalten einen Raum betreten und aus lauter Einzelteilen einen Menschen zusammensetzen, welcher nach seiner Fertigstellung munter davonspaziert. Oder die Traumsequenz, in welcher Keaton als Engel eine endlos lange Treppe zum Himmelstor hoch rennt, oben von Petrus aber abgewiesen wird, welcher darauf einen Hebel umlegt, der bewirkt, dass die Treppenstufe einklappen. Die Treppe verwandelt sich in eine riesige Rutschbahn, die Keaton direkt in die Hölle führt, wo der Teufel nach seiner Ankunft ein Schild aufhängt: „Keaton – in“.

The Haunted House ist voll von solchen Surrealismen: Wenn Keaton die Bank betritt, hängt er seinen Stock einfach umgekehrt herum an die Wand, nur um den Griff als Hutständer zu benutzen. Weshalb der Stock an der Wand kleben bleibt, weiss niemand. Im Spukhaus tritt plötzlich eine derart hohe Frequenz von „Gespenstern“ auf, dass Keaton mitten in der Verfolgungsjagd inne hält, um „den Verkehr“ zu regeln. Als ihn einer der „Geister“ während der Flucht am Hemd festhält, verwandelt sich der Platz, auf dem Buster steht in eine rotierende Drehscheibe.

Es wird immer wieder moniert, The Haunted House zerfalle in zwei disparate Hälften, in die Bank-Sequenz und in die Spukhaus-Sequenz. In Wahrheit hängen beide Teile narrativ eng zusammen, denn die Bank bildet den Angelpunkt der Story. Dort treffen Buster und die Bankräuber erstmals aufeinander. Dass er sich auf seiner Flucht ausgerechnet in deren Unterschlupf versteckt, ermöglicht ihm, ihnen am Schluss das Handwerk zu legen. Nur die Theatertruppe wirkt etwas aufgeklebt; sie dient eigentlich nur dem Zweck, zusätzlich noch einen Theaterteufel im Spukhaus unterzubringen. Letzterer tritt übrigens in Keatons Langfilm Go West erneut in Erscheinung.

The Haunted House, Busters fünfter Film in Eigenregie, etabliert den Surrealismus vollends als festes Stilmittel der keaton’schen Slapstick-Komödie. Bereits die beiden Vorgängerfilme One Week und The Scarecrow wiesen surrealistische Elemente auf, doch hier treibt er es damit erstmals auf die Spitze (weitere „Eskapaden“ sollten folgen) und beeinflusst führende europäische Künstler wie Buñuel, Dalí und die Dadaisten.
8/10

The Haunted House scheint im deutschsprachigen Raum nur in der Buster Keaton-Box von Arte greifbar zu sein. Eine echt Alternative dazu ist die Keaton-Kurzfilm-Box von Kino International aus den USA – bessere Bildqualität und weitaus bessere Begleitmusik.

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