Wenig ergiebiges Kostümstück

LITTLE OLD NEW YORK
USA 1923
Mit Marion Davies, Harrison Ford, Montague Love, Louis Wolheim u.a.
Regie: Sidney Olcott
Dauer: 106 min

Manchmal hat man Pech.
Da bestellt man für teures Geld einen wenig bekannten Stummfilm bei jenem kleinen DVD-Manufakteur in den USA, der seine DVDs von 16mm-Kopien aus eigener Sammlung oder befreundeter Sammler herstellt. Da sind manchmal echte Perlen dabei, die in keinem anderen DVD-Katalog zu finden sind.
Doch eben: Manchmal hat man Pech und kriegt einen unbedeutenden oder unoriginellen Film, den man geradesogut in der Obskurität hätte belassen können.
Obwohl die Inhaltsangabe und die imdb-Bewertung vielversprechend klangen, musste ich leider feststellen: Little Old New York ist einer davon.

New York im Jahre 1806: In einer stürmischen Nacht erreicht ein Passagierboot aus Irland den Hafen. An Bord sind der alte John O’Day und sein Sohn Pat. Den Jungen erwartet die reiche Erbschaft eines vor Jahren ausgewanderten Onkels, was den verarmten O’Days gerade gelegen kommt.
Da der echte Pat, ein kränklicher, bettlägriger Junge während der Überfahrt verstarb, übernimmt seine Schwester Patricia die Rolle des Erben, damit die Familie an das Geld kommt. Allerdings muss sie sich in New York in die Obhut eines Vormundes begeben, der sich ebenfalls einen Anteil der Erbschafft erhofft hatte. Und in den verliebt sie sich im Lauf des Films, was sie wegen ihrer Aufmachung als Mann zu verstecken genötigt ist.

Marion Davies und Harrison Ford der ältere (keine Verwandtschaft mit Harrison Ford dem jüngeren) spielen Vormund und Mündel in diesem schön ausgestatteten, bisweilen etwas gar behäbigen Gesellschaftsdrama aus New Yorks Anfangszeit. Es wurde nicht an Kulissen gespart, sogar Robert Fultons erster Schaufelraddampfer wurde akkurat und in voller Grösse nachgebaut (finanziert wurde der teure Film von William Randolph Hearst), historische Figuren treten zu Hauf‘ (und in für die Handlung absolut belanglosen Szenen) in Erscheinung – trotzdem bleibt der Film in seiner ersten Hälfte zäh und mühsam.

Erst, als er sich vom ganzen historisierenden Korsett befreit und endlich zu erzählen beginnt, kommt mehr Leben in die Bude. Die Aufregung um die Geldbeschaffung für das erste Dampfboot auf dem Hudson, ein Boxkampf, der in eine Massenhysterie mündet, Pat’s Rettung vor dem Lynchmob durch ihren Vormund – das alles hat Tempo und ist gerade in den Massenszenen hervorragend inszeniert. Und mittendrin wirbelt Marion Davies als Herz des Films in ihrer ersten erfolgreichen Rolle und drückt dem burschikose Mädchen ihren eigenen komödiantischen Stempel auf.

Doch ist das Thema des Films wohl zu amerikanisch, jedenfalls erscheint der Film insgesamt belanglos und für uns Europäer eher uninteressant. Ein Kostümstück aus demselben historischen New York, dem Martin Scorsese mit The Age of Innocence 70 Jahre später ein eindringlicher gestaltetes Porträt gewidmet  hat.
Ich konnte mich nicht besonders dafür erwärmen – deshalb: Kurzer Text und weiter zu besseren Stummfilmen…
6/10

Der Film ist bei Grapevine Video in den USA zu beziehen. Die Versandkosten nach Europa veranschlagt Geschäftsinhaber Jack Hardy nicht allzu hoch.

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