Tonfilm-Seitensprung: Ein Weihnachtsoratorium

Nachdem schon nebenan bei Whoknows Best ein Weihnachts-Kontrastprogramm zelebriert wurde, weihnachtet es nun auch bei mir. In Ermangelung eines geeigneten Stummfilms stimme ich mit einem weiteren Tonfilm-Seitensprung auf das Fest der Liebe ein.
Ich hatte als Weihnachtsbeitrag zwar den Laurel & Hardy-Stummfilm Big Business (ja, der mit den Weihnachtsbäumen) in Betracht gezogen, die Idee jedoch wieder verworfen. Dieser Streifen ist bereits so oft besprochen, gezeigt, gesehen worden, dass seine Erwähnung an Weihnachten schon ein Gemeinplatz ist.
Deshalb now for something completely different:

NOT THE MESSIAH
(HE’S A VERY NAUGHTY BOY)
GB 2009
Mit Eric Idle, Shannon Mercer, Rosalind Plowright, William Ferguson, Christopher Purves u.a.
Regie: Aubrey Powell
Dauer: 90 min

Monty Python’s Flying Circus, das waren Graham Chapman, John Cleese, Eric Idle, Michael Palin, Terry Jones und Terry Gilliam. 1969 bis 1974 lief ihre gleichnamige Fernsehserie, bis 1983 drehte die Gruppe dann noch drei Filme, zwischendurch und danach gingen sie eigene Weg, als Regisseure (Gilliam und Jones), als Autoren von Dreh- und anderen Büchern (Cleese, Chapman, Idle, Palin), als Schauspieler (alle fünf). Nach Chapmans frühem Tod (1989) trennte man sich – doch Monty Python, war nicht tot. Er ist es noch immer nicht.

In unregelmässigen Abständen trifft die alte Truppe zusammen und haut auf den Putz. Gerade ist es wieder soweit, Graham Chapmans Buch A Liar’s Autobiography soll verfilmt werden, als Animationsfilm, die Pythons treffen sich vor dem Mikrophon (John Cleese’s Partizpation ist noch unsicher – alter Eigenbrötler!), jeder soll mehere Sprechrollen übernehmen.

Das letzte Python-Happening fand im Jahre 2009 statt, hiess Not the Messiah und war ein Oratorium.
Ein Oratorium?! Ja, richtig gelesen. Eric Idle hatte es geschrieben, es wurde in der Royal Albert Hall mit dem BBC Symphony Orchesta, dem BBC Chorus und vier Gesangssolisten aufgeführt. Idle nahm sich den Python-Film The Life of Brian vor und verarbeitete die Handlung zu einem Oratorium in Stil und Umfang von Händels Messiah. Musikalisch und kompositorisch zur Seite stand ihm der Komponist John Du Prez, von dem auch die Filmmusik zu The Meaning of Life stammt. Und somit hat gabelingeber auch dieses Jahr wieder eine Weihnachts-DVD zu besprechen, denn natürlich nimmt die Geburt des Messias Brian einen grossen Teil des Werkes ein.

Das Leben des Brian bildet aber nur das erzählerische Gerüst und bietet einige Aufhänger für die zentrale Sache dieser Aufführung – eine Reihe hinreissender Musiknummern, die sich in ihrer Gesamtheit zu einer erfrischend frechen Parodie auf den Musiktheaterbetrieb und dessen Stilrichtungen vereinen.
Vom barocken Oratorium über den Gospel und den englischen Folksong bis zum Musical werden Musikstile und Libretti auf wunderbare, oftmals zwerchfellerschütternde Weise durch den Kakao gezogen. Es ist deutlich, dass Monty Python und Brian nur als Kassenmagnete mit auf dem Programm stehen; Idle und Du Prez hätten ihre Oratoriums-Verballhornung problemlos und ohne Verluste auch ohne Erwähnung der beiden klingenden Namen schreiben können.

Not the Messiah wurde bereits 2007 in Australien uraufgeführt. Für die – einmalige – Aufführung in London im Jahre 2009 übernahmen sämtliche Pythons – ausser John Cleese (alter Eigenbrötler!) – kurze, im Originalscript nicht vorgesehene Gastauftritte. Diese wirken allerdings so notdürftig angeklebt, dass sie der gelungenen Produktion keinerlei zusätzliche Qualitäten beizufügen vermögen, es sei denn, man nimmt den Wiedererkennungseffekt als Qualitätsmerkmal. Dem Vergnügen tun sie allerdings auch keinen Abbruch.

Von Python-Fans wurde moniert, Not the Messiah sei nicht Monty Python pur, oder, auf der anderen Seite der Skala, Eric Idle beute seine vergangenen Erfolge mit der Python-Truppe aus. Beides greift zu kurz. Das erste Argument wird vom Zusatz „nach Monty Python“ ebenso entkräftet wie vom hohen Qualitätsgrad des Bühnenspektakels: Sowohl Idles Texte als auch Du Prez‘ Kompostionen sind erstklassig, da braucht’s gar kein Monty Python!  Das zweite Argument sticht eher: An zwei, drei Stellen leuchtet das Stichwort „Ausbeutung“ mit störender Deutlichkeit wie ein Warnsignal auf und überblendet den Spass kurzzeitig, doch angesichts der Brillianz der Konzeption und der Darbietung verpufft diese kleine Störung rasch zu Nichts.

Idles Texte sind ein Genuss (wer die englische Sprache versteht, ist trotz deutscher Untertitelung im Vorteil), die Musik besteht aus lauter Ohrwürmern und besitzt trotzdem Substanz und kompositorische Klasse. Nur schon, wie Idle verschiedene Python-Klassiker wie den Lumberjack Song oder die nudge-nudge-Nummer ins Geschehen einschmuggelt, zeugt von grosser Raffinesse. Die python’sche Respektlosigkeit hat sich Idle ebenso bewahrt wie den Hang zum intellektuellen Blödsinn. So ist das Lied „We Love Sheep“ eine deutliche Anspielung an „All we like Sheep“ aus Händels Original-Messias, die nur bemerkt, wer das Vorbild kennt. Ansonsten ist Python vor allem dank der Anwesenheit seiner Mitglieder präsent; der „typische Python-Humor“ tritt in den Hintergrund zugunsten einer umwerfenden musikalischen Parodie, die auch Klassikfans und Python-Abstinenzler anzusprechen vermag.
Und Menschen, die auf der Suche nach dem Alternativ-Weihnachtsprogramm sind. Lasst klingen, Leute. „Hail to the Shoe!“
Und fröhliche Weihnacht – natürlich!
8/10 (Die Wertung bezieht sich für einmal nicht auf filmische Qualitäten, sondern auf musikalische)

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2 Kommentare

  1. „I declare!“ – wie ich so schön sage, wenn ich gerade als Queen of England durch die Gegend humple. Da ist Weihnachten doch so ein hohes kirchliches Fest, und was findet man bei den Bloggern? Du kommst mit einem Monty Python-Oratorium, das ich noch nicht kenne; nebenan bei KinoTageBuch wird vor einer heiligen Nutte gewarnt. Da komme ich mir ja direkt fromm vor und freue mich schon auf die Seligsprechung wegen guter Führung. 🙂 Labora pro nobis! – oder wie es immer heissen mag. Und: Frohe Festtage!

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