Kinogänge: Willkommen bei den Belgiern!

Mein Vorsatz: Trotz – oder gerade wegen – meiner Hetzschrift wider das Kino (siehe hier) gehe ich ab sofort möglichst einmal im Monat hin.
Wieder. Ich tat es nämlich lang nicht mehr – im Gegensatz zu früher, wo ich das Kino manchmal mehrmals täglich besuchte. Bevor ich zur Couchpotatoe verkomme, nehme ich den Weg „unter die Leute“ wieder auf mich und pilgere in ein nahe gelegenes Lichtspielhaus, um das Erlebnis hernach in meinem Blog zu protokollieren.
Hier also das erste Protokoll…

RIEN À DECLARER
Frankreich 2011
Mit Benõit Poelvoorde, Dany Boon, Karin Viard, Julie Bernard u.a.
Regie: Dany Boon
Dauer: 108 min
Gesehen: im Kino Trafo 4 in Baden

Der Film:
Der „brandneue Boon“. Viele, die den liebenswerten französischen  Komödienhit „Bienvenue chez les Ch’tis“ vom selben Regisseur gesehen haben, erinnern sich seiner mit warmen Gefühlen. Die überträgt man fast automatisch auf den „neuen Boon“ und denkt: So ein witziges „feelgood-movie“ kommt jetzt gerade recht.
Der Inhalt klingt bekannt, wieder geht es um sprachliche Grenzen und Akzente, nach den Ch’tis sind nun die Belgier dran. Die Geschichte spielt an der belgisch-französischen Grenze, kurz vor der EU-weiten Abschaffung der Zollstationen; zwei Zöllner stehen im Mittelpunkt, Ruben Vandevoorde (Benôit Poelvoorde) auf der belgischen Seite, Mathias Ducatel (Danny Boon) auf der französischen. Die Zollschliessung bereitet eigentlich nur Ruben Probleme, denn er ist militanter Nationalist und hasst alles nicht-belgische, ganz besonders aber alle Franzosen. Aber ausgerechnet mit „so einem“ zusammen wird er als „mobiler Zoll“ abkommandiert, mit einem „Camembert“ muss er sich ins Auto setzen und die grüne Grenze bewachen. Mit Mathias, der seit einem Jahr heimlich mit Rubens Schwester liiert ist…
Regisseur und Drehbuchautor Boon schafft es in keiner Weise, an den Ton seines gefeierten Vorgängers anzuknüpfen. Sämtliche Vorzüge von „Bienvenue chez les Ch’tis“ sind hier schlichtweg nicht mehr vorhanden oder werden ins Gegenteil (zum Nachteil) verkehrt: Statt liebevoll gezeichnete Figuren bevölkern bis zur Unkenntlichkeit überzeichnete Voll- oder Halbidioten diesen Film. Der sanfte Humor fehlt, an seine Statt tritt grober Klamauk. Und statt intelligenter Drehbuch-Einfälle findet man hier fast nur öde, oft anbiedernde Mainstream-Versatzstücke. Furchtbar! Und das ist derselbe Autor/ Regisseur? Man glaubt es kaum!
Ich halte „Bienvenue chez les Ch’tis“ beileibe nicht für ein Meisterwerk. Dazu ist er zu einfallslos inszeniert – aber er hat viel Charme, Menschenliebe, gut dosierten und geschmackvoll eingesetzten Humor, der wirklich zündet, und dadurch wird er zum lohnenswerten Kinoerlebnis.
Wer ihn in guter Erinnerung behalten möchte, der soll besser einen weiten Bogen um „Rien à declarer“ machen. Es sein denn, man gehört zu jenen Leuten, die, wenn sie in diesem Film lachen, im Grunde den letzten meinen. Wenn der letzte nicht gewesen wäre: Ich bezweifle, dass der aktuelle dann überhaupt den Weg in unsere Kinos gefunden hätte!
4/10

Der Kinogang:
Die Kinder weg – gehen wir ins Kino? Bei solch schönem Wettter? Egal: Der „neue Boon“ ist angelaufen. Und ohne vorher etwas darüber gehört zu haben, fuhren meine Gattin und ich blindlings nach Baden. Nur den Trailer haben wir uns vorher im Internet kurz angeschaut. Da sind alle guten Szenen drin, damit könnte man es also getrost bewenden lassen. Aber das wussten wir da ja noch nicht.

Das Kinoerlebis:
Trafo 4 – ein riesiges Kino mit bestimmt 500 Plätzen und riesiger Leinwand. Völlig unangemessen für diesen recht langweilig und unspektakulär abgefilmten Streifen, den man ohne substantielle Einbussen auch daheim am Bildschirm gucken könnte. Trafo 4 ist eines jener Kinos, die meinen Widerstand gegen die modernen Lichtspielhäuser begründen: Ein gesichtsloser, hoher, rechteckiger grauer Raum. Alles ist grau, von der Wandfarbe über den Vorhang bis zu den Kinosesseln. Dafür blinken und flimmern an den Wänden längliche bunte Leuchtröhren, die abwechselnd ihre Leuchtkraft intensivieren oder vermindern, aber auf jeden Fall den Augen weh tun, weil sie direkt hineinleuchten und somit blenden. So wird es zum Ding der Unmöglichkeit, vor Filmbeginn die im Foyer ausliegenden Gratis-Kinozeitschriften zu lesen, ein Ritual, dem ich mich in der Vergangenheit gern hingegeben hatte.
Das wohltuende Fehlen der Musikberieselung fiel mir erst auf, als sie dann doch noch einsetzte – irgend ein gesichtsloser Mix aus minderwertiger Unterhaltungsrockpopmusik.
Das dank des Wetters sehr spärlich anwesende Kinopublikum schien noch von Boons Vorgängerfilm zu zehren, denn es lachte pflichtschuldig oft und ausgiebig an den dafür vorgesehenen Stellen. Wenn man in solchen Momenten schweigt, gerät man schnell in den Verdacht wahlweise der Humorlosigkeit, der Miesepetrigkeit oder der Begriffsstutzigkeit. Diesen gesellschaftlichen Druck, auch Herdentrieb genannt, muss man aushalten können, wenn man ins Kino geht und gleichzeitig seine Integrität bewahren will. Da wird das Kino zum Psycho-Fitnesstudio.

Fazit:
So ein schöner Vorsatz (wieder mehr ins Kino zu gehen) – und so ein schlechter Film. Soll ich das als Omen werten?
Besser nicht – aber als Lehre: Das nächste Mal, Gabelingeber, wählst du den Film sorgfältiger aus.

…dieser Beitrag gilt auch als „Tonfilm-Seitensprung“.

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2 Kommentare

  1. So etwas lässt sich nach einem solchen Vorgänger eben immer schwer einschätzen. Da bezahlt man dann – in Baden dürften es mittlerweile auch um die Fr. 22. – sein – für eine richtige kleine Enttäuschung. Immer schade. Ich denke in solchen Augenblicken wehmütig an die täglich wechselnden Oldies zurück, die uns ab und zu ein Basler Kino den Sommer über bot: Man wusste, was man zu sehen bekommen würde – und das erst noch auf grosser Leinwand. 😦

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