Rudolph Valentino mit falscher Musikuntermalung

THE EAGLE
USA 1926
Mit Rudolph Valentino, Vilma Banky, Louise Dresser u.a.
Regie: Clarence Brown
Dauer: 73 min.

Endlich Rudolph Valentino!

Was ist eine Stummfilmseite ohne den vielleicht grössten aller Stummfilmstars?
Viele von uns tendieren allerdings zur Skepsis vor solchen populärkulturellen Superlativen. „Der grösste Star?“, rümpfen einige selbsternannte Cinéasten die Nase. „Da muss was faul sein!“
Auch der Verfasser dieser Zeilen ertappte sich bei diesem Gedanken und war überrascht, als er Valentino erstmals im Film Son of the Shik schauspielern sah. Der konnte das tatsächlich! Er spielte sehr gut – nicht nur für ein „Leinwandidol“ mit Kultstatus.

Auch im Eagle fällt er neben der hervorragenden Schauspielercrew absolut nicht aus dem Rahmen und beweist sogar komödiantisches Talent. Und das braucht er, denn das Drehbuch stammt von keinem Geringeren als vom langjährigen Lubitsch-Kompagnon und –Mitautor Hanns Kräly. So ist denn The Eagle nicht nur Abenteuerfilm, sondern auch Komödie, nicht nur Liebesfilm, sondern auch Verwechslungsgeschichte.

The Eagle ist eigentlich Vladimir Dubrovsky, ein Kosakenleutnant der Zarin Katherine II; weil er in der Gunst der Zarin (wegen Ungehorsams in Liebesdingen) in Ungnade gefallen ist, muss er aus dem Palast flüchten und wird nun steckbrieflich gesucht. Dubrovsky versteckt sich in den Wäldern, wo er mit einer kleinen Truppe finsterer Gesellen unter dem Namen The Eagle untertaucht. Wie Zorro trägt er bei seinen öffentlichen Erscheinungen eine Augenmaske. Und wie dieser hat auch er eine Mission: Rache am hinterhältigen Kyrilla zu üben, der Dubrovskys Vater um sein geliebtes Grundstück betrogen, ihm damit das Herz gebrochen und ihn in den Tod getrieben hat.

Nun gibt es an den Racheplänen des Eagle aber einen Haken; er heisst Mascha und ist Kyrillas hübsche Tochter, in die sich Dubrovsky noch zu seiner Husarenzeit im Unwissen um ihre Herkunft verliebt hatte.
Nachdem sich Dubrovsky unter dem Namen LeBlanc als Französischlehrer ins Haus seines Feindes eingeschmuggelt hat, erkennt er das Problem, denn seine Schülerin ist ausgerechnet die Tochter des Hausherrn. Sie erkennt ihn zunächst nicht, er kommt ihr lediglich bekannt vor. Aber da das Frauenzimmer nicht nur hübsch, sondern auch klug ist, erkennt sie bald, dass sich The Eagle bei ihnen eingenistet hat – in der Maske des Französischlehrers…

Eine äusserst gewitzte doppelte Verkleidungsstory, ein hervorragendes Drehbuch, durch die Bank hervorragende Schauspieler (das Zusammenspiel der ungarischen Aktrice Vilma Banky und Valentino etwa funktioniert wunderbar!), das traumhafte Dekor von William Cameron Menzies und die präzise Regie von Clarence Brown machen The Eagle zu einer der schönsten und unterhaltsamsten Abenteuerschnurren ihrer Zeit. Der Film verhalf Valentino nach einer längeren Durststrecke zu einem triumphalen Comeback.

Tja, und nun sollte man nur noch die richtige DVD finden, auf der auch die Begleitmusik stimmt – das exemplarische Stummfilmerlebnis für Leute, die mit Stummfilm nichts am Hut haben wäre perfekt!
Es soll eine Laserdisc-Ausgabe mit einer Begleitmusik von Carl Davis geben. Sie ist bestimmt empfehlenswert, nur konnte ich sie auch nach intensivem Gurgeln…nein, Googeln (oder Googlen?) nirgends finden…

Somit rate ich hier erstmals von einer DVD ab – von dieser. Da ist nicht nur die Bildqualität zweitrangig, sondern – viel schlimmer – auch die Begleitmusik. Die Herausgeber haben es sich einfach gemacht und zwei längere Stücke einer bereits bestehenden Filmmusik genommen, die einfach dauernd wiederholt werden. Erstens passt das selten zum Geschehen und zweitens nervt das sinfonische Gesülze bereits nach 30 Minuten derart, dass man den Ton am liebsten ausschalten würde. Unglücklicherweise scheint dies die einzige im Moment greifbare DVD-Ausgabe des Films zu sein und ist somit nur für ganz hartgesottene Rudy-Fans zu empfehlen.

Hier zeigt sich wieder einmal, wie essentiell die Stummfilmbegleitung ist; die hier vorhandene ebnet ein, wo andere Begleitungen gelungene Film-Passagen erst zum Leuchten bringen, Zusammenhänge unterstreichen oder gar erst erlebbar machen. Carl Davies konnte das – nur: Wo bleibt die Eagle-DVD mit seiner Score?
8/10 (nur Film; Schmähung der DVD siehe oben)

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4 Kommentare

  1. Ich muss zugeben, Valentino bis jetzt auch nur als Kultfigur wahrgenommen zu haben, wofür nicht zuletzt Ken Russell mit seinem grottenschlecheten Biopic (1976) zuständig sein dürfte. Man nimmt den Schauspieler heute wohl aber allgemein vor allem als den Mann wahr, der Frauen in Ohnmacht fallen liess und dem sie nach seinem frühen Tod beinahe mit nekrophilem Zusatz huldigten. – Ich habe sogar mal „The Son of the Sheik“ gesehen, ohne auf seine schauspielerische Leistung zu achten, weil ich mich einfach häääämisch freute, dass er nach heutigen Massstäben nun auch nicht so ein Schönling ist. 😉 Sollte sich wohl bei Gelegenheit ändern.

    1. „Der Mann, der die Frauen in Ohnmacht fallen liess“: Dieses Prädikat liess mich schlechte bis mittelmässige Schauspielerei erwarten. Doch siehe – der Mann wirkt sogar sympathisch!

    1. Ah, herzlichsten Dank, Christian für diese nützliche Ergänzung! Von der Laserdisc-Database höre ich zum ersten Mal.
      Bei diesem Film gibt es momentan tatsächlich keine bessere Alternative als die Laserdisc! Ich hoffe, das ändert sich noch!

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