Das russische Kino zur Zarenzeit

POSLE SMERTI
(dt.: Nach dem Tode)
Russland 1915
Mit Vitold Polonski, Vera Karalli, Olga Rakhmanova,  u.a.
Regie: Jewgeni Bauer
Dauer: 46 min

Mit dem russischen Stummfilm verbinden wir gemeinhin Namen wie Eisenstein, Pudowkin, Trauberg – und Schlagwörter wie Propagandafilm. Die heute noch bekannten russischen Filmwerke vor dem Zusammenbruch der Sovjetunion stammen aus der Zeit des Sozialismus und waren zu dessen Verbreitung konzipert worden.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs zeigte ein Einblick in russische Filmarchive aber, dass schon vor 1917 eine ernstzunehmende Filmproduktion bestand; nur wurden die Filme der „dekadenten Zarenzeit“ von den sozialistischen Machthabern unter Verschluss gehalten und gerieten im Lauf der Zeit in Vergessenheit.
Etwa 300 Filme (von rund 2000) aus jener Zeit fanden sich in den Archiven oder wurden bis jetzt wiedergefunden. Es könnten durchaus mehr werden – immer mal wieder tauchen verloren geglaubte Werke unvermutet auf.

Solche Funde machen deutlich, dass die Filmgeschichte auf wackeligen Beinen steht: Cinéastische Stilmittel, welche von den Filmhistorikern als Errungenschaft des Regisseurs A festgeschrieben wurden, finden sich auch in kürzlich wiederentdeckten Filmen von Regisseur B, welche zur gleichen Zeit entstanden wie jene von A.
Und schon geht das Rätseln los: Hatte A Kenntnis von Bs Filmen und/oder umgekehrt? Oder haben beide Regisseure unabhängig voneinander dasselbe Stilmittel entwickelt?

Filmhistoriker mögen sich mit solchen Fragen beschäftigen. Für mich brachte die Betrachtung dieses Films von Jewgeni Bauer die Entdeckung eines Regisseurs mit einer ganz starken eigenen Handschrift. Offenbar hatte er Kenntnis von D.W. Griffiths zeitgleich entstandenen Kurzfilmen und liess sich von dessen Oeuvre zu damals noch wenig übliche Stilmitteln wie Grossaufnahmen oder zur fahrenden Kamera inspirieren, Mittel, welche er auf seine Art nutzte. Während Griffith auf äussere Werte wie die Steigerung des Handlungstempos oder die Erstreckung der Spannungbögen setzte, blieb Bauer der „russischen Seele“, dem langsam sich entwickelnden inneren Drama verpflichtet.

Posle Smerti ist ein durch seine Machart aufsehenerregender und originärer Stummfilm: Die Art, wie hier das Licht gehandhabt wird, habe ich nie zuvor in einem Film gesehen. Wie in den Gemälden Rembrandts ist die Lichtquelle oft lediglich erahn-  aber nicht sichtbar; sie lässt Details wie Gesichter aus der umgebenden Düsterkeit intensiv hervortreten und entrückt sie dadurch in fast unwirkliche Gefilde.
Ebenso ungewöhnlich und eigentümlich ist die Art der Ausstattung, in welcher alle Arten von Stoffen eine wichtige Rolle spielen, sei es an den Kostümen oder in den kunstvoll drapierten Vorhängen, welche in den Innenaufnahmen zur Raumgestaltung eingesetzt werden.

Erzählt wird die Geschichte des Intellektuellen Anderi Bagrov, der vom Tod seiner Mutter besessen ist. Seit ihrem Ableben hat auch er dem Leben entsagt, meidet die Gesellschaft und widmet sich seinen Büchern und Studien. Sein Freund versucht immer wieder, ihn unter die Leute zu bringen, lädt ihn zu Gesellschaften ein oder zu Theaterbesuchen.
Während eines Empfangs lernt unser Misanthrop die Schauspielerin Zoya Kadmina kennen – sie verliebt sich augenblicklich und unsterblich in Andrei, der sich aber verunsichert von ihr abwendet, um sich weiterhin seinem morbiden Eremitendasein zu widmen. Während eines Soloabends der Kadmina begenen sie sich wieder – erneut wendet sich Andrei ab.

Ein Brief von ihr führt zu einem kurzen Treffen, das Andrei mit dem Hinweis beendet, dass ihr Werben sinnlos sei. In ihrer Verzweiflung nimmt sie Gift und stirbt vor einer Theateraufführung auf der Bühne.

Die Nachricht von Kadminas Tod erschüttert Andrei zutiefst und erinnert ihn an seine Mutter. Nun steigert er sich in eine Obsession hinein. Er will alles über die Verstorbene erfahren, besucht ihre Familie, nimmt ihr Foto und ihr Tagebuch mit. Sie beginnt in seinen Träumen herumzuspuken, erscheint ihm zu Hause, scheint ihn zu sich holen zu wollen.

Historische Quellen berichten von einem Hang zum Morbiden, welcher im künstlerischen Leben Russlands, vor allem in der Literatur zur Zeit des letzten Zaren zutage trat. Das Credo der Literaten damals war, die Kunst und die Künstler von jeglicher Konvention zu befreien; zu diesem Zweck wurde es möglich, jegliche Gedanken oder Handlungen zu beschreiben, egal, wie abwegig, verrückt oder eben morbid diese erschienen. Der Stil etablierte sich, die Dekadenz wurde in der damaligen gehobenen Gesellschaftsschicht salonfähig. In diesem Film jedenfalls, dem Turgenjews Novelle Klara Milic zugrunde liegt, ist eine morbide Grundstimmung prominent vorhanden.

Posle smerti überrascht mit den oben erwähnten neuartigen Stilmitteln (in den Handlungsablauf eingeschnittene Grossaufnahmen, die Lichtregie, Kamerafahrten), Mittel welche die Filmerzählung revolutionieren sollten. Nur zwei Jahre zuvor erschien mit Les amours de la reine Elisabeth mit Sarah Bernhardts einer der ersten Langfilme in den damals noch neuartigen Kinos, ein heute noch zugängliches, repräsentatives Beispiel früher Filmproduktion, das zeigt, wie statisch die damaligen Filme waren, aus der Totalen abgefilmte Bühnenwerke, die einfach vom besten Zuschauerplatz aus aufgenommen wurden. Die filmische Erzähltechnik war noch primitiv, das Publikum konnte (noch) mit schlichten bewegten Bildern zufrieden gestellt werden.
Umso erstaunlicher wirkt Bauers nur zwei Jahre nach Reine Elisabeth entstandener Film vor diesem Hintergrund. Sogar eine Rückblende und eine surreale Traumsequenz ist in Posle smerti enthalten. Und über das Bild werden hier bereits innere Vorgänge symbolisiert: Die allgegenwärtigen schweren Stoffe evozieren eine erstickende Atmosphäre, welche den Umgang Andreis mit seiner Gefühlswelt veranschaulicht. Er „erstickt“ nicht nur selbst daran, sondern treibt damit auch andere in den Tod.

Eine weitere Beschäftigung mit Filmen und der Person Jewgeni Bauers erscheint mir als durchaus lohnenswert. So ende ich hier mit dem Versprechen: Fortsetzung folgt...
8/10

Die DVD: Der hier besprochene Film wurde sehr schon restauriert und viragiert; die Bildqualität ist hervorragend.
Die Filmmusik
wurde vom Klaviertrio Triptych eingespielt, mit einer sehr passenden Komposition von Nicholas Brown.
Regionalcode
2
Extras:
Videoessay des russischen Filmhistorikers Yuri Tsivian mit kommentierten Ausschnitten aus den drei auf der DVD enthaltenen Filmen; Lebenslauf von Jewgeni Bauer (nur Text)
Verfügbarkeit:
Europa: Posle smerti ist auf der DVD Mad Love – Three Films by Evengii Bauer enthalten.  Sie wurde vom British Film Institute (bfi) herausgegeben und ist bei amazon.co.uk zu beziehen.

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9 Kommentare

  1. Eben wurde bei Whoknows ein sowjetischer Film aus den sechziger Jahren vorgestellt, der mir völlig unbekannt war. Woran ich sah, wie grobmaschig (eher inselartig) meine Kentnisse sind. Immerhin kenne ich eine Reihe von sowjetischen Filmen und kann mir in etwa also auch Unbekanntes einsortieren. Kurzer Blick in mein DVD-Regal: Panzerkreuzer Potemkin ist tatsächlich der älteste russische (bzw. sowjetische) Film, der da steht.

    Aber russisches Kino der Zarenzeit? Darüber habe ich mir bis zu deinem Beitrag noch nicht einmal Gedanken gemacht.
    Was etwas merkwürdig ist, denn die russische Literatur des 19./ 20 Jhs. hat mich immer sehr interessiert.
    Woran das liegt? Bücher waren nie ganz zu unterdrücken und die großen Autoren der Zarenzeit waren im Westen verfügbar, auch wenn sie in der Sowjetunion verfemt waren.

    Die Filme waren, wie du schriebst, im Archiv verschlossen. Mehr noch als bei Büchern hängt aber ihre Wirkung von der Pflege durch Archivare und der Verbreitung durch engagierte Kinos ab, da ja nur wenige bzw. oft nur eine einzige Kopie erhalten ist.

    Vermutlich dürfte die Wiederentdeckung nach so vielen Jahren nur noch von historischer Bedeutung sein, Filme aus der Zeit von 1900-1918 sind selbst wenn sie aus Amerika stammen, bis auf wenige große Namen (Griffith) aus dem Filmgedächtnis weggesunken.

    Nachholende Gerechtigkeit der breiten Öffentlichkeit gegenüber dem Kino der Zarenzeit wird es vermutlich leider also kaum mehr geben. Immerhin sehr schön, dass den wenigen Interessenten durch solche DVDs überhaupt Einblicke gewährt werden können. Und ich hier davon dann erstmals was erfahre.

  2. Ich freue mich, wenn mein Blog auch für Entdeckungen von Unbekanntem gut ist.
    Bauers Filme können sich heute durchaus noch sehen lassen und ich könnte mir vorstellen, dass nicht nur ein historisch interessiertes Publikum Gefallen daran findet. Gerade der hier besprochene Film packt einen mit seiner unwirklich-unheimlichen Atmosphäre im zweiten Teil.

  3. Als großer Bewunderer sowjetischer Stummfilme, muss ich leider zugeben, dass meine Kenntnisse bezüglich des Zarenkinos mehr als rudimentär sind. Generell meide ich (vielleicht unbewusst) Filme die vor 1918 entstanden sind. Montage, Inszenierung, Visualisierungstechniken, Kameraarbeit usf. sind einfach noch nicht soweit, um ein zusammenhängendes Kunstwerk zu schaffen.

    Oft werden Inszenierungstechniken des Theaters als Vorbild genommen; das Ergebnis: unspektakuläre, Texttafel-lastige und langatmige Filme, die meist nur aus historischer Perspektive interessant sind.

    Sicherlich gibt es hier auch Ausnahmen. Eine dieser Ausnahmen scheint „Nach dem Tode“ zu sein. Deine wie immer extrem ansprechende und aussagekräftige Bildergalerie, macht wirklich Lust auf den Film. Ich freue mich sehr auf eine Fortsetzung zum Thema…

  4. Sehr schöne Besprechung! Dass Bauer und seine Zeitgenossen eine Wiederentdeckung erleben, ist hauptsächlich dem Filmhistoriker Yuri Tsivian zu verdanken, der mindestens zwei Bücher auf Englisch (und vermutlich einiges auf (Russisch) zu diesem Thema geschrieben hat. Außerdem spricht er eifrig Audiokommentare auf DVDs.

    Zar Nikolaus II. und seine Familie waren Filmfans, deshalb war der Film in allen Gesellschaftsschichten akzeptiert. Die melancholischen und tragischen Stoffe waren nicht nur in gehobenen Kunstzirkeln angesagt, sondern entsprachen dem allgemeinen Pulikumsgeschmack. Tsivian zitiert aus einem zeitgenössischen Filmjournal:

    „All’s well that ends well!“ That is the guiding principle of foreign cinema. But Russian cinema stubbornly refuses to accept this and goes its own way. Here it’s „All’s well that ends badly“ – we need tragic endings.

    Der eigenwillige russische Stil entwickelte sich während der relativen Isolierung des ersten Weltkriegs. Vorher hatten importierte westliche Filme und die russischen Niederlassungen von Pathé und Gaumont den Markt dominiert. Der wichtigste Regisseur neben Bauer war Jakow Protasanow, der ebenfalls starkes Seitenlicht benutzte, wie Du es hier beschreibst, z.B. in VATER SERGEJ (1917). Schade, dass Bauer schon 1917 starb, nach einer Schaffensperiode von nur ca. fünf Jahren. Einer weiteren Karriere im Kommunismus wäre wahrscheinlich nichts im Weg gestanden. Protasanow ging zwar nach der Oktoberrevolution nach Frankreich ins Exil, kehrte aber wieder zurück und setzte seine Laufbahn fort, mit dem SciFi-Klassiker AELITA als bekanntestem Ergebnis.

    1. Wie immer: Herzlichen Dank für die kundigen Ergänzungen!
      Das beigefügte Zitat war mir bekannt.
      Auf Bauers Person und Werdegang möchte ich anlässlich einer weiteren Filmbesprechung näher eingehen.

    2. Nicht nur das zaristische russische Kino bevorzugte bis in die 20er Jahre die Tragödie. Auch das europäische Kino in der Zeit vor dem 1.Weltkrieg sah die Tragödie als die große (Film)Kunst. Das „Happy-End“ war ein fast ausschließlich amerikanisches Phänomen. In Europa rümpfte man über derart „seichte Kost“ nur die Nase. Erst nach dem 1.Weltkrieg setzte sich das amerikanische Kino beim europäischen Publikum auch mit seinen happy-ends durch. Zuvor wurden für den amerikanischen Markt europäische Filme teilweise mit einem alternativen happy-end versehen, weil das amerikanische Publikum danach verlangte. Hier ein interessanter Artikel von Fritz Lang, der erst in seiner amerikanischen Zeit langsam ein Verständnis für dieses amerikanische Phänomen aufbrachte: http://www.ceeol.com/aspx/getdocument.aspx?logid=5&id=cfc2944d-a326-46d9-8781-8610123426a6

  5. Hallo, ein super blog zu dem in Deutschland leider nahezu unbekannten Evgenij Bauer. Danke!
    Ich kann zu diesem Regisseur mein im Dezember 2012 erschienenes Buch empfehlen:
    „Russisches Licht. Von der Ikone zum frühen sowjetischen Kino“, in der Reihe „osteuropa medial“.
    http://www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20456-3.html
    Leider nicht ganz billig, im Falle einer ausführlichen Rezension kann man jedoch den Verlag bitten, ein Rezensionsexemplar zu schicken.
    „Russisches Licht“ enthält eine Menge Bauer, hier das letzte Kapitel:
    IV. Kulturen des Lichtschöpfertums (svetotvorčestvo) 1890-1920 in Russland
    1. Von der Aufklärung (prosveščenie) zur Lichtmotivik im Symbolismus und zum Licht im Kino
    2. Der russische Symbolismus und das Kino
    2.1. Symbol-Begriff: realia und realiora, stumme „Sprache der Dinge“ (Blok)
    2.2. Symbolistische Rezeption des Kinos
    2.3. Religiöses und säkulares Licht („Religionskunst“ und „Kunstreligion“)
    2.4. Gor’kij 1896 im Kino: die Schrecken eines symbolistischen Schattenreichs
    2.5. Symbolismus ↔ Kino
    2.6. Das frühe Kino von und mit Andrej Belyj
    2.6.1. Das Kino als Ort der neuen sobornost’
    2.6.2. Die elektrifizierte Stadt, astrale Reisen und das Motiv der Laterne (fonar’)
    2.6.3. Sophiologie im Kino: Herabgestiegene Sterne und filmische Spitzenschleier
    2.6.4. Sinema macht sinjaki: Groteske Explosionen im Kino und in Peterburg
    3. Das svetotvorčestvo von E. Bauėr
    3.1. Die Wiederentdeckung des Evgenij Francevič Bauėr (1867-1913)
    3.2. Von der elektrifizierten Operette zum Film
    3.2.1. Jabločkovs „Russisches Licht“
    3.2.2. Elektrische Mysterien
    3.2.3. Funktionen des elektrischen Licht auf der Bühne und im Film
    3.3. Bauėrs „Lichtschaffen“ in der Filmkritik und -theorie (Turkin, Achramovič, Kulešov)
    3.4. Bauėrs filmischer Symbolismus: Zwielicht, illuminatio und Panerotizismus
    3.4.1. Sumerki ženskoj duši: Lichtschöpfen im Zwielicht der weiblichen Seele
    3.4.2. Posle smerti: Die Liebe des Photographen beginnt „nach dem Tode“
    3.4.3. Präsentation von Traum, Erinnerung und Halluzination im Film
    3.4.4. Irr-Lichter und erotisierendes Licht aus dem Jenseits
    3.5. Bauėrs Licht-Malerei
    3.5.1. Zum „russischen Stil“ des Kinos der 1910er Jahre
    3.5.2. Statischer Schauspielstil, „Epoche der Einstellung“ und die mise-en-scène
    3.5.3. Einsatz der Grossaufnahme in Bauėrs Nach dem Tode
    3.5.4. Der deep focus der europäischen Barock-Malerei in Bauėrs Filmen
    3.5.5. Übersehene Vorgängermedien: Tableaux vivants und Piktorialismus im Film
    Hier ist das volle Inhaltsverzeichnis:
    http://www.academia.edu/418705/Just_arrived_Russisches_Licht._Von_der_Ikone_zum_fruhen_sowjetischen_Kino

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