Tonfilm-Seitensprung: Die französische Revolution – zum Zweiten

DANTON
Frankreich 1983
Mit Gerard Dépardieu, Wojciech Pszoniak, Patrice Chéreau, Boguslaw Linda u.a.
Regie: Andrzej Wajda
Dauer: 136 min

Danton: Ein Vergleich mit Griffiths Blick auf die französische Revolution (siehe Orphans of the Storm) drängt sich fast auf, fällt aber schwer. Während Griffith 1921 einen grosszügigen Überblick über die Vorgänge zu geben versuchte, welche die französische Revolution begleiteten, beschränkte sich der Pole Andrzej Wajda sechzig Jahre später auf einen kurzen Ausschnitt jener epochalen Umwälzung und rekonstruiert ein paar Wochen vor der Exekution ihres Wegbereiters Georges Dantons. Vereinfachend wirken beide Filme – angesichts der komplexen und komplizierten Vorgänge, welche zuletzt zu einer neuen Verfassung führte, ist in einem Kinofilm nichts anderes möglich – doch erstaulicherweise liefert Wajda mit seiner Verknappung das deutlichere Bild. Während Griffith sich im Ungefähren der Schaueffekte verlor, zeichnet Wajda in der Konzentration auf seine zwei Hauptprotagonisten – Danton und Robespierre – ein gestochen scharfes Bild von jener Zeit und ihrem Geist, ein Bild, das mit seiner ungebrochenen Aktualität ins Heute nachwirkt.

Sein Film beginnt mit der Rückkehr von Georges Danton, einem der wichtigsten Wegbereiter der Revolution und deren Rechts- , resp. Unrechtssprechung. Aufgescheucht durch Berichte über das Terrorregime des „Wohlfahrtsausschusses“, das unter dem Vorsitz von Dantons einstigem Mitstreiter Robespierre in Paris Andersdenkende massenhaft guillotiniert, kehrt er ins politische Leben zurück mit dem Vorsatz, gegen den Terror anzukämpfen. Doch dadurch macht er sich er in den Augen des Ausschusses zum Verräter und wird auf die schwarze Liste gesetzt. Robespierre unternimmt zwar Versuche, Danton und seine Mitstreiter zu retten, indem er sie auf die Seite des Ausschusses zu ziehen versucht, doch als er damit erfolglos bleibt, sieht er sich gezwungen, seine ehemaligen Freunde zu opfern. Würden die immens populären Dantonisten weiter gegen ihn politisieren, würde das seinem Ausschuss im Ansehen des Volk empfindlichen Schaden zufügen; die Exekution der Dantonisten allerdings hätte denselben Effekt.

So sieht sich Robespierre plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass er sich selbst, ja die ganze Revolution in eine grausame Sackgasse manövriert hat, ungewollt, aus der es kein Entrinnen gibt, und er scheint sich den ganzen Film über zu fragen, wie es soweit hatte kommen können.

Wajda und seinem Drehbuchautor Jean-Claude Carriere ist mit Danton ein ungemein anregender, vielschichtiger Film über Politik, ihre Wirkung und deren (Rück-)Wirkung auf die einzelnen bestimmenden Individuen gelungen. Dabei ist der Film alles andere als thesenhaft und redselig. Wajda macht daraus ein äusserst dynamisches, lebensvolles, optisch berückendes Schaustück, das einen als Zuseher auch emotional gebührend involviert. Das ist einerseits auf das Engagement der oft an der Grenze zur Exaltiertheit agierenden Schauspieler zurückzuführen, aber auch Wajdas bewegter Kamera, den wirkungsvollen Dekors und der effektiven avantgardistischen Filmmusik von Jean Prodromides zu verdanken. Danton ist ein glänzendes Ensemblestück, von dem man den Eindruck gewinnt, jede(r) der beteiligten Künstler hätte seinen Beitrag einem grossen Gedanken unter- und sich perfekt ins Ganze eingeordnet.

Dass Wajda übrigens mit Danton auf die damaligen Verhältnisse in Polen anspielt, wie es im Booklet der mir vorliegenden Criterion-Ausgabe behauptet wird, stimmt nicht. Das erkennt man nicht nur beim aufmerksamen Betrachten des Werks; sowohl Wajda als auch Drehbuchautor Carriere wiedersprechen dieser Theorie in den beigefügten Interviews deutlich. Sie wollten nach eigenem Bekunden einen Film drehen, der über die Zeitbezüge aktuell bleiben sollte. Das ist ihnen aufs Beste gelungen. Mich hat in letzter Zeit selten ein Film derart gepackt und angeregt wie dieser Danton!
9/10

Mein Text bezieht sich auf die Ausgabe der Criterion Collection. Der Film ist auch in Deutschland erschienen, in der Gérard Depardieu Edition Nr.2, zusammen mit drei anderen Depardieu-Streifen.

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