Tonfilm-Seitensprung: Eine ideale Verfilmung

AN IDEAL HUSBAND
England 1999
(dt.: Ein idealer Ehemann)
Mit Jeremy Northam, Rupert Everett, Cate Blanchett, Julianne Moore, Minnie Driver, John Wood u.a.
Regie: Oliver Parker
Dauer: 93 min

Oliver Parker scheint ein wahrer Oscar Wilde-Verehrer zu sein: Er bereitete bereits drei Werke des britischen „Skandalautors“ für die Leinwand auf: The Importance of Being Ernest, The Picture of Dorian Gray und An Ideal Husband, Wildes fünftes Theaterstück.

An Ideal Husband beginnt in Minne, schrammt knapp am Disaster vorbei und endet glimpflich, mit einer Lektion für alle Beteiligten.
Sir Robert Chiltren und seine Gattin Gertrude (Jeremy Northam und Cate Blachett) gelten in der feinen britischen Gesellschaft als das perfekte Paar, Sir Robert, Mitglied des Unterhauses, wird gar als halber Heiliger verehrt. Kein Makel befleckt seine weisse Weste; er ist gerecht, loyal, treu und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Doch nun taucht eine ehemalige Schulkollegin Lady Gertrudes auf, Mrs. Laura Chiveley (Julianne Moore) und erpresst Sir Robert auf übelste Weise. Er soll im Unterhaus seine Ablehnung eines betrügerischen Projektes in Zustimmung umwandeln, sonst werde sie eine düstere Polit-Affäre aus seiner Vergangenheit ans Licht bringen.

Sir Robert strampelt – den dunklen Punkt in seiner Vergangenheit konnte er bislang erfolgreich vertuschen. Mehr noch als den Gesichtsverlust in der Gesellschaft fürchtet er jenen vor der geliebten Ehefrau, die ihn idealisiert.
Zu Hilfe kommt ihm ausgerechnet Lord Goring (Rupert Everett), der faule, selbstgefällige Upper-Class-Nichtsnutz, der durch diese Affäre plötzlich seine Nächstenliebe entdeckt…

Man muss Oliver Parkers Verfilmung als geglückt bezeichen, wenn nicht sogar als Glücksfall. Beglückend ist er auf alle Fälle. Der Regisseur/Drehbuchautor bringt Wildes Stück, seine Dialoge und Bonmots so richtig zum Funkeln. Es wurde ein Zeit- und Sittenbild, das eine Zeit und eine Gesellschaft lebendig werden lässt, in welcher die Konvention und der Schein alles galt, wo Eheleute sich mit „sie“ anredeten und wo artig und gepflegt parliert wurde. Das alles lässt er in erlesenen Dekors und geschmackvollen Kostümen geschehen, dargeboten von einer erstklassigen Schauspielertruppe, die bis in die kleinste Nebenrolle ideal besetzt ist. Da zählt jedes Stirnrunzeln, jeder Seitenblick, und die Darsteller platzieren die kleinen Gesten mit einer Leichtigkeit, die zu Herzen geht.

An Ideal Husband, Version 1999, ist nicht einfach abgefilmtes Theater. Parker hat daraus einen bewegten und beschwingten Film gemacht, in dem das Bild neben dem Wort zu seinem Recht kommt, indem es das Geschehen immer wieder kommentiert, ironisch infrage stellt oder kommende Ereignisse erahnbar macht. Von Theater ist da fast nichts mehr zu spüren.
Neben der Offenlegung der menschlichen Schwächen und Fehler, die heute noch dieselben sind wie zur Entstehungszeit des Stücks (1894), enthält der Film kaum Aktualität. Aber: Indem er diese, in die Konventionen von damals gekleidet, in unsere Zeit hinüberblendet, präsentiert er Stoff, an dem wir geistig zu arbeiten haben.

8,5/10



Der Film ist als DVD bei amazon bestellbar.

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Ein Kommentar

  1. „An Ideal Husband“ funktioniert übrigens ähnlich wie Wilde’s „Lady Windermere’s Fan“ und „A Woman of No Importance“: Eine Frau mit Vergangenheit holt das scheinbare Glück – beinahe – ein. Das Motiv war im Viktorianischen Drama sehr beliebt, wurde von Shaw’s „Mrs. Warren’s Profession“ herrlich ins Extrem getrieben – und begann einen alten Anglisten mit der Zeit zu langweilen. Dennoch stimme ich dir zu: Die Verfilmung ist im Gegensatz zum traurigen „The Importance of Being Earnest“, der unbedingt auf Tempo machen musste, gelungen.

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