Lubitsch-Touch – ohne Lubitsch

HER SISTER FROM PARIS
USA 1925
Mit Constance Talmadge, Ronald Colman, George K. Arthur, Gertrude Clair
Regie: Sidney Franklin
Dauer: 75 min


Diese Woche wende ich mich wieder mal einem – zumindest hierzulande – völlig unbekannten Stummfilm zu (dass ich das gerne tue, dürften die regelmässigen Besucher dieses Blog inzwischen wissen):
Her Sister from Paris
von Sidney Franklin (Regie) und Hanns Kräly (Drehbuch) ist ein Vier-Personen-Lustspiel für drei Schauspieler. Es geht darin um ein weibliches Zwillings-Geschwisterpaar, das in der Männerwelt für Aufregung sorgt. Natürlich werden die Zwillinge von ein und derselben Schauspielerin verkörpert.
Das hatten wir so oder ähnlich schon – es handelt sich um eines dieser Themen, das mit schöner Regelmässigkeit durch die gesamte Filmgeschichte immer wiederkehrt und bereits zu Stummfilmzeiten nicht neu war.

Ein alter Hut also? Oder was ist das Besondere an dem hier vorliegenden Film?
Es gibt drei Punkte: Zum einen die Ausstattung. Sie stammt von William Cameron Menzies und ist schlicht und ergreifend ein Augenweide. Es gibt Dekors, da gehen einem die Augen über (vor allem die Theatersequenz in der Mitte des Films)! Ausschweifende Art Deko-Bauten und gewagte architektonische Extravaganzen fügen sich zu herrlichster Ausstattungspracht zusammen (siehe dazu einige der screen shots unten). Art Deco-Liebhaber sollten sich diesen Film auf ihre Liste setzen.

Der zweite Pluspunkt des Films liegt in der Tatsache, dass er in Wien angesiedelt ist; auch hier spielt die Ausstattung eine wichtige Rolle, denn über weite Strecken hat man wirklich den Eindruck, einen Stummfilm aus dem deutschsprachigen Raum zu schauen. Ich hatte immer gedacht, die Europäisierung des US-Kinos sei Ernst Lubitsch vorbehalten gewesen, doch hier heisst der Regisseur Sidney Franklin und stammt aus Kalifornien. Allerdings liegt dem Film ein Theaterstück des Deutschen Ludwig Fulda zugrunde und das Drehbuch stammt von Hanns Kräly, der bereits in Berlin, später auch in der US-Emigration, zahlreiche Drehbücher für Lubitsch lieferte. Das Interessanteste daran: Aus Her Sister from Paris weht an vielen Stellen der berühmte Lubitsch-Touch herüber, womit wir bei Punkt drei angekommen sind.

Und da sind wir mittendrin im filmhistorischen Rätselraten, das oft aufgrund mangelnder Quellen einsetzt und das sich für jene ergibt, die sich sich mit der heute weitgehend vernachlässigten Filmform Stummfilm beschäftigen: War Kräly Pate des Lubitsch-Touches? War er Lubitschs Lehrmeister?
Die Sachlage weist eher darauf hin, dass der „Lubitsch-Touch“ (ich verstehe darunter eine frivole Grundstimmung, gepaart mit charmantem Witz, oft unter Verwendung der „Kunst der Aussparung“), dass also der „Lubitsch-Touch“ von Kräly und Lubitsch gemeinsam entwickelt wurde (Lubitsch arbeitete ab 1916 bis 1924 praktisch ausschliesslich mit Kräly zusammen), und dass Krälys Name später aufgrund der geringen Bedeutung, welche den Drehbuchschreibern zuteil wurde und noch immer wird, in Vergessenheit geriet. Trifft diese Vermutung zu, so müsste das Phänomen gerechtigkeitshalber „Lubitsch-Kräly-Touch“ genannt werden.
Man wird hier einwenden, dass es viele Tonfilme des Regisseurs gibt, die in Kooperation mit anderen Drehbuchautoren entstanden und trotzdem den „Lubitsch-Touch“ aufweisen. Es spricht nach meiner Ansicht nichts dagegen, dass Lubitsch diesen „Touch“ auch nach der Trennung von Kräly weiter gepflegt und ihn filmisch noch verfeinert hat.
Dass Kräly eine massgebliche Mitverantwortung für den „Lubitsch-Touch“ trägt, steht für mich nach der Visionierung dieses Films fest.

Bei der Betrachtung von Her Sister from Paris tauchen weitere Fragen auf: Wieviel Einfluss hatt Hanns Kräly auf die Produktion seiner Drehbücher? Fungierte er als eine Art zweiter Regisseur im Hintergrund (eine Vermutung, welcher der verblüffend europäische Look dieses Films nahelegt)? Dies war zu Stummfilmzeiten nicht unüblich; Buster Keaton, Harold Lloyd oder Douglas Fairbanks, sr. etwa trugen Wesentliches zum Aussehen und zur Dramaturgie ihrer Filme bei, auch wenn ihre Namen nicht unter „Regie“ aufgeführt waren. Im Unterschied zu Kräly fungierten sie allerdings als Produzenten ihrer Filme – allerdings oft auch, ohne dass dies in den Credits erwähnt wurde.
Wer Näheres zu Krälys Stellung innerhalb der Filmproduktion weiss, sei herzlich eingeladen, einen Kommentar zu hinterlassen! Ich jedenfalls habe dazu nichts finden können.

Her Sister from Paris ist ein Kräly-typische erotisch aufgeladene Geschlechter- und Beziehungskomödie: Das in Wien wohnhafte Ehepaar Weyringer (Constanze Talmadge und Ronald Colman) hat sich derart zerstritten, dass Gattin Helen auszieht. Zur gleichen Zeit erreicht ihre (ebenfalls von Constance Talmadge verkörperte) Zwillingsschwester Wien, die unter dem Namen La Perry in Paris als Tänzerin für Furore in der Männerwelt sorgt. Schnell beschliessen die beiden Schwestern, Helen ins Kostüm der extravaganten Schwester zu schmeissen und ihren Mann zum Narren zu halten.
Weyringer und sein englischer Kumpel Bob (George K. Arthur) interessieren sich zunächst beide für die falsche La Perry und versuchen, sich gegenseitig auszubooten, was zu einigen witzigen Sequenzen führt.
Am Schluss wird das Geheimnis enthüllt, und der geläuterte Ehemann, der in der ganzen Affäre allen Verführungsversuchen zum Trotz die Zuneigung zu seiner Frau unter Beweis gestellt hat, wird heimgeführt.

Die bereits weiter oben aufgeführten Qualitäten dieses Films kommen in der ersten Hälfte zu voller Entfaltung. Bis etwa zur Filmmitte ist Her Sister from Paris das reine Vergnügen: Witzig, prickelnd, von beträchtlichem Schauwert!
Danach wird der Film zum Kammerspiel zwischen drei Personen und damit leider etwas schwerfällig. Die schönen Dekors verschwinden, die Halbtotale beherrscht das Bild, die Handlung beginnt, sich über Gebühr zu ziehen. Die Schauspieler stehen plötzlich ganz im Zentrum, und nun treten einige Schwächen zutage, schauspielerische (Talmadge) und solche der Inszenierung (alles wird plötzlich etwas statisch), die vorher nicht aufgefallen waren. Man nimmt der Talmadge, bei allem komödiantischen Talent die Rolle der Verführerin auf Dauer nicht ab. Natürlich spielt sie eine Hausfrau, die eine Verführerin spielt – aber dass ihr Gatte und sein Freund ihr derart verfallen, wirkt nicht ganz glaubwürdig. Und mit dieser Glaubwürdigkeit steht und fällt der Film, der somit zum Schluss hin einer Fehlbesetzung wegen um einen wichtigen Teil seiner Wirkung gebracht wird.

Schade, denn die erste Hälfte lässt einen vergessenes Meisterwerk der Stummfilmkomödie erwarten. Immerhin: Her Sister from Paris ist sehr gute Unterhaltung, welche die Anschaffung dieser DVD durchaus rechtfertigt – zumal ja noch eine weitere Komödie desselben Teams (Hauptdarstellerin, Regisseur und Drehbuchautor) mit drauf ist: Her Night of Romance. Doch mehr davon zu einem anderen Zeitpunkt…

Die DVD stammt von Kino International. Der Film wurde sorgfältig restauriert – mit sehr schönem Resultat: Die Bildqualität ist hervorragend! In einigen kurzen Sequenzen wird deutlich, dass der Film wohl nahe am Verfall war.

Die Begleitmusik stammt von Judith Rosenberg (Klavier) und geht angenehm ins Ohr, ohne besonders grossen Eindruck zu hinterlassen.

 

Verfügbarkeit:
USA
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Kino International und kann auch dort bezogen werden. amazon.com bietet den Film ebenfalls an. Er hat Regionalcode 1. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar, der Film ist ausschliessich in den USA erhältlich.

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4 Kommentare

  1. Es war, wie ich eben feststellen durfte, sogar die grosse Mary Pickford, die Kräly nach Hollywood holte. Das Art Deco, das mir viele Filme der 30er so lieb macht, ist wirklich umwerfend. Ich wusste gar nicht, dass es bereits in den Stummfilmen der 20er Jahre zu bewundern ist. :schaem:

  2. Art Deco gibt es seit ca 1920 – ich vermute, William Cameron Menzies, der übrigens zu meinen absoluten Lieblings-Filmausstattern gehört, hatte ein Faible dafür: Viele der von ihm ausgestatteten Filme schwelgen in Art Deco.
    Der erste US-Spielfilme mit Art Deco-Ausstattung war übrigens ENCHANTMENT aus dem Jahr 1921.

  3. Ja, als Art-Deco Fan sind schon die 20er ziemlich großartig. Könnte mir manche Stummfilme auch vor allem wegen der Set Pieces anschauen. William Cameron Menzies ist großartig, und auch einer meiner liebsten Ausstatter. Zu erwähnen wäre bei Art Deco aber u.a. sicherlich auch Cedric Gibbons bei MGM. MGM ist für mich eh das Austattungstudio schlechthin während der späten 20er und frühen 30er Jahre.

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