Buster Keatons letzter Stummfilm

SPITE MARRIAGE
(dt.: Trotzheirat)
USA 1929
Mit Buster Keaton, Dorothy Sebastian, Edward Earle, Leila Hyams u.a.
Regie: Edward Segdwick

Aus aktuellem Anlass – im zürcher filmpodium ist eine Buster Keatons Stummfilmen gewidmete Retrospektive angelaufen – möchte ich heute einen Blick auf Spite Marriage werfen, Keatons letzten Stummfilm, gerade weil er als einziger in der Retro nicht zu sehen sein wird.

Spite Marriage
steht, was die allgemeine Wertschätzung betrifft, deutlich hinter seinen frühreren langen Stummfilm zurück. Dieser sein zweiter Film für die MGM steht im Ruf, kein “reiner Keaton” mehr zu sein. Stimmt das?

Ein persönlicher Augenschein macht deutlich: nein!
Doch zunächst soll kurz zurückgeblendet werden: Nach dem finanziellen Desaster von Steamboat Bill, jr (1928) musste Keaton das Studio wechseln; für seinen ehemaligen Mentor und Produzenten Joe Schenk  waren Keaton und seine äusserst kostspieligen Filmprojekte untragbar geworden. Keaton unterschrieb darauf bei MGM, wo er seine finanzielle und künstlerische Unabhängigkeit zuerst teilweise, später dann immer umfassender aufgeben musste. Das Studio funktionierte nach gänzlich anderen Leitlinien als Keaton das bislang gewohnt war: Es gab einen Drehplan, und der musste eingehalten werden. Kein Platz für zeitaufwändige Improvisationen, was im Drehbuch stand, galt und musste im vorgeschriebenen zeitlichen Rahmen umgesetzt werden – ein System notabene, das sich, zumindest in der US-Filmindustrie, bis heute gehalten hat.

Für The Cameraman (1928), sein erstes Werk für MGM, konnte sich Keaton seine alte Freiheit noch weitgehend erhalten. Bei Spite Marriage wurde das schon schwieriger, doch es ging. Wenn man den Film heute sieht, erkennt man: Das ist “reiner Keaton” von A bis Z.
Doch: Keaton musste härter darum kämpfen als noch im Cameraman, wo er möglicherweise eine Art “Willkommens-Sonderbehandlung für zugewanderte Kassenmagnete” erhielt. Keaton war massgeblich an der Entwicklung von Spite Marriage beteiligt, und das sieht man. Die Sequenz etwa, in welcher er erfolglos versucht, die sturzbetrunkene Dorothy Sebastian ins Bett zu hieven, gehört zu seinen berühmtesten, sie wurde später, als er im Zirkus Medrano sein glorioses Comeback feierte, zu seinem zweiten Markenzeichen (neben seinem “Stoneface”).

Die Figur, die Keaton hier spielt (sie heisst Elmer Gantry, wie die Romanfigur von Sinclair Lewis im gleichnamigen Roman von 1927) gehört – zumindest für mich – zu seinen stärksten. Sie ist wie in keinem seiner anderen Filme von einer Einsamkeit und einer Fremdheit, die richtiggehend schmerzt.

Als kleiner Hosenbügler verliebt er sich unsterblich in die Schauspielerin Trilby Drew (Sebastian), die ihn und seine rührenden Bemühungen solange keines Blickes würdigt, bis er ihr plötzlich als Mittel erscheint, mit dem sie ihre privaten Ziele zu erreichen glaubt (ihren Verflossenen eifersüchtig zu machen).
So missbraucht sie seine Liebe, heiratet ihn, um ihn gleich darauf wieder abzuschütteln. Die Ehe-Szenen zwischen dem gewieften Vamp und dem weltfremden Elmer sind – trotz allem Slapstick – von geradezu erschütternder Hoffnungs- und Trostlosigkeit. Da bietet Keaton ohne die geringste Sentimentalität jenes Kunststück, dessen perfekte Beherrschung gemeinhin Chaplin zugeschrieben wird: Lachen zu provozieren, hinter dessen Auslöser sich tiefe Traurigkeit verbirgt, hinter dem sich Abgründe auftun, das im Hals steckenbleibt. Das führt Keaton in keinem anderen seiner Filme derart souverän vor wie in Spite Marriage!

Buster Keaton ist zwar auch hier der underdog, der am Schluss über sich hinauswächst, doch hier ist sein Sieg über das Böse haarscharf; es hätte auch anders kommen können. Entwickelt er in Werken wie The Navigator oder Steamboat Bill, jr ungeahnte Fähigkeiten und Kräfte, so erarbeitet er sich hier den Sieg mit unendlicher Geduld. Wie er die vom Untergang bedrohte Jacht mit einem Eimer leerschöpft, den er immer wieder eine lange Treppe hochträgt, um den Inhalt oben über Bord zu kippen, oder wie er die Gangster, welche die Jacht später besetzen, einen nach dem anderen, in gemächlichem Tempo, aber mit an Sturheit grenzender Unermüdlichkeit unschädlich macht, zeugt von der fatalistischen Geduld eines Menschen, der eigentlich nichts mehr zu verlieren hat: Wenn es mir gelingt: gut. Wenn es mir nicht gelingt: auch gut.

Dass er am Schluss das Herz seiner Angebeteten gewinnt, ist der Gerechtigkeit der Traumfabrik zu verdanken. Spite Marriage ist aber der einzige Langfilm Keatons, in dem man nicht von vornherein mit einem happy ending rechnet.

Eine kleine Anmerkung zum Schluss: Spite Marriage ist Keatons letzter Stummfilm. Keaton selbst wollte ihn eigentlich als Tonfilm drehen. Anders als einige seiner Kollegen widersetzte er sich dem Aufkommen des Tons im Kino nicht, er sah durchaus Möglichkeiten und wollte sie ausschöpfen. MGM stellte sich quer. Zu lange widersetzte sich das Studio der technischen Neuerung, und so existierte auf dem MGM-Gelände zur Produktionszeit dieses Films nur eine einzige sound stage, die natürlich voll ausgebucht war. So war Keaton gezwungen, Spite Marriage (fast) ohne Ton zu drehen. Er wurde aber mit einer extra komponierten Musikbegleitung und zahlreichen Geräuscheffekten versehen – die Tonspur ist erhalten geblieben und wurde für diese DVD verwendet.
Michael

Die DVD stammt von TCM Archives (Warner). Die Bildqualität ist hervorragend, scharf mit gutem Kontrast.

Die Begleitmusik ist eine sehr schön passende Original-Orchesterbegleitung, mit der dieser Film in die Kinos kam, mit Geräuscheffekten versetzt. Die Musik wurde von Fritz Stahlberg kompiliert und arrangiert.

Verfügbarkeit:
USA
: Die für diesen Text besprochene DVD kann bei amazon.com bezogen werden. Sie hat Regionalcode 1.
Deutschsprachiger Raum
: Der Film ist auch bei uns auf DVD erschienen, inzwischen aber bereits vergriffen. Bei amazon.de kann er von privaten Anbietern erworben werden. (Hier klicken). Über die Qualität der deutschen Ausgabe können keine Angaben gemacht werden. Da sie aber auch von warner stammt, dürfte sie mit der hier besprochenen DVD identisch sein.

Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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6 Kommentare

  1. Dass Du ihn nicht kennst, liegt wohl daran, dass er von den Filmspezialisten unterschätzt wurde (unter denen gibt es viele, die einander die Meinung abschreiben, resp. die derselben Meinung wie die einflussreichsten Filmwissenschftler/-kritiker sind, um von ihnen wahrgenommen zu werden); wohl aus diesem Grund gilt dieser Film als „kein echter Keaton“, was ich als ausgemachten Blödsinn taxiere!

  2. Als ausgemachter Stummfilmfan begrüße ich jede Seite die sich im widmet. Daher auch meine Freude heute zufällig über deinen Blog gestolpert zu sein. 🙂

    Habe letztens auch mit einer bekannten ein kurzes Gespräch über Keaton geführt, in der sie gemeint hat, dass ihr gesagt worden wäre die letzten Stummfilme Keatons wären nicht so gut, weil er seine Unabhängigkeit eingebüßt hätte.

    Sehe das ähnlich wie du. The Cameraman ist großartig (für mich nach „Our Hospitality“ der zwitliebste Keatonlangfilm den ich von bisher 9 gesehenen kenne), und Spite Marriage ist für mich der lustigste. Während der Theaterszene in der Buster einspringen muss lag ich tatsächlich mit Lachkrämpfen am Boden – und wann kann man das von einer Komödie schon behaupten (glaube zuletzt hatte ich das als Jugendlicher bei der Fernsehshow „Mr. Bean“).

    Da scheint wirklich einer vom anderen abzuschreiben, und sich Spite marriage nicht wirklich anzusehen. Auch für mich 100% der bekannte und geliebte (stummfilm)Keaton. 🙂

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