FRIEDRICH SCHILLER – EINE DICHTERJUGEND (1923)

Deutschland 1923
Mit Theodor Loos, Hermann Vallentin, Isabel Heermann u.a.
Regie: Curt Goetz
Dauer: 102 min.

Zugegeben: Der Titel klingt trocken und spröde. Friedrich Schiller – eine Dichterjugend. Aber: Lasst Euch nicht abschrecken, liebe Stummfilmfreundinnen und – freunde. Dahinter verbirgt sich eine echte Entdeckung!

Doch zuerst werden sich einige fragen, ob der Regisseur mit jenem berühmten Curt Goetz identisch sei, der so wunderbare Bühnenwerke wie Frauenarzt Dr. Praetorius oder Das Haus in Monevideo verfasst und sie in den Fünfzigerjahren auch selbst verfilmt hatte.
Ja, er ist’s, und der “Schiller” war sein erster Film als Regisseur. Seinen zweiten drehte er übrigens erst 1938 (Napoleon ist an allem schuld).

Mit dem Stummfilm hatte Goetz aber schon vor dem Schiller zu tun, zunächst als Darsteller und dann auch als Drehbuchautor (etwa Das Skelett des Herrn Markutius oder Die Dame in Schwarz, beide 1920). Leider konnte ich über die Umstände, die Goetz zu seiner ersten Regiearbeit führten, nichts finden, auch der Grund der eher ungewöhnlichen Themenwahl bleibt im Dunkeln.

Da wechselt also plötzlich ein Schauspieler und Drehbuchautor namens Curt Goetz (damals noch Kurt Götz) hinter die Kamera und dreht einen abendfüllenden Film, der noch heute durch seine Frische überzeugt und vor allem durch die geschickte Handhabung der filmischen Mittel und der filmischen Sprache erstaunt. Wenn man den Schiller heute anschaut, glaubt man das Werk eines gestandenen Regisseurs vor sich zu haben. Da gibt es geschickte Parallelmontagen, die absolut ausgewogen erscheinen, Bildschnitte im genau richtigen Moment, und die Schauspieler agieren weitgehend ohne das damals übliche dick aufgetragene Pathos.

Weiter fällt die Oekonomie der Zwischentitel auf; vieles wird mit dem Bild und der Geste gesagt. Wenn ein Zwischentitel erscheint, fällt er in der Regel durch sprachliche Klarheit und Raffinesse auf. Viele davon sind zudem im Stuttgarter Dialekt gehalten, was dem Film eine zusätzliche authentische und nicht selten auch eine komische Note verleiht.

Und schon bin ich mitten im Schwärmen.
Was Goetz und sein Co-Drehbuchautor Max Kaufmann hier mit Schiller machen, hat noch heute exemplarischen Charakter: Eine Ent-pathetisierung der Künstlerfigur und damit eine Art “kultureller Renaturierung” – zurück zum Menschen hinter der Ruhmesmaske. Damit nimmt der Film vorweg, was später Peter Shaffer mit Amadeus vorgeschwebt hatte, natürlich nicht in derart beabsichtigter Deutlichkeit wie jener, dafür mit mehr Nonchalance und Charme. “De Fritzle”, ein Mensch wie du und ich.

Und damit ist ausgesprochen, was ich zu Beginn dieses Textes schon angedeutet hatte: Dieser Schiller-Film ist alles andere als die trockene Abhandlung, welche der Titel vermuten lässt. Es ist ein fast durchwegs heiteres, luftig-leichtes Porträt, mehr jener Zeit als von Schillers Leben. Gedreht wurde an Originalschauplätzen, in Stuttgart und auf Schloss Hohenheim und in den anliegenden Wäldern – dies in einer Zeit, wo viele Filme im Studio entstanden! So erhält der Film eine hohe Authentizität, welche durch die Jahrzehnte spürbar bleibt.

Schauspielerisch wird der Film von zwei Personen getragen: Von Theodor Loos, der den Dichter als linkischen, leicht gehemmten Lulatsch gibt und von Hermann Vallentin, der Schillers Gegenpart, dem Herzog von Württemberg eine raubtierhaft-gefrässige Gefährlichkeit verleiht. Der Rest der Darsteller bleibt dahinter etwas blass, was aber angesichts der Prägnanz der beiden Hauptdarsteller nicht weiter in Gewicht fällt.
Und gegen Ende taucht in einer Schlossszene ein Lakai auf, in dessen Livree der junge Curt Goetz stecken könnte. Bestätigt fand ich diese Vermutung allerdings nirgends, und so bleibt sie hier als Frage stehen.

Ach ja, der Inhalt! Der Film zeigt “Fritzles” Werdegang vom Eintritt in die geistige Enge der Karlsschule als Knabe bis zur Manifestation seines Freigeistes, welche in der Aufführung der Räuber gipfelt und schliesslich zu seiner Flucht aus Stuttgart führt.
Der Film galt übrigens als verloren und wurde vor einigen Jahren in einem russischen Filmarchiv wieder entdeckt. Zum Glück, kann ich nur sagen. Ein etwas anderer deutscher Stummfilm, den ich mir bestimmt wieder ansehen werde.
Michael

Die DVD-Ausgabe: Der Film wurde in einem russischen Filmarchiv wiederentdeckt, restauriert und den Konventionen der damaligen Zeit gemäss viragiert. Einige kurze Passagen fehlen und wurden durch erklärende Texttafeln ersetzt. Die Bildqualtät ist mehrheitlich sehr gut, einige Sequenzen sind etwas zu hell, so dass die Gesichter unkenntlich werden.

Die Musikbegleitung: Improvisierte Klavierbegleitung von Joachim Bärenz sagt das Booklet. Ohweh, dachte ich und war beim Ansehen und -hören angenehm überrascht. Ich hatte schon “improvisierte” Stummfilmbegleitungen gehört, wo der Begleiter bei schnellen Passagen irgendwas gespielt hat, einfach schnell – und zu langsamen Stellen ebenfalls irgendwas, aber langsam. Joachim Bärenz hingegen hat ein Konzept. Er erfindet Musik, die aus Schillers Zeit stammen könnte und streut immer wieder Liedzitate und Passagen aus klassischen Musikstücken ein. Dabei regt seine Begleitung zu eigenen Gedanken an und kommentiert an vielen Stellen das Geschehen. Toll!

Regionalcode 2

Extras: Zwei Pianobegleitungen zur Auswahl, beide von Joachim Bärenz.

Bestellung: Der Film wurde von der edition filmmuseum herausgebracht. Zu bestellen ist sie direkt beim Verlag oder bei amazon. Im Moment ist sie (11. August 2010) am günstigsten hier erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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Ein Kommentar

  1. Ich wusste zwar, dass Curt Goetz als Schauspieler in Stummfilmen mitgewirkt hatte. Seine Arbeit als Regisseur dieses verlockenden Films war mir hingegen nicht bekannt. Stattdessen wies ich anlässlich eines Eintrags zu „Das Haus in Montevideo“ pseudopatriotisch auf seine Herkunft hin. Er war nämlich, obwohl in Deutschland aufgewachsen – ein Schweizer 😉

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