THE AVENGING CONSCIENCE (1914)

USA 1914
Regie: D.W. Griffith
Mit Henry B. Walthall, Spottiswoode Aitken, Blanche Sweet u.a.
Dauer: 84 min

“The first great american horror movie” – so preist der DVD-Covertext diesen Film vollmundig an.

“American” stimmt, “great” ebenfalls.
Aber ob man The Avenging Conscience tatsächlich zu den Horrorfilmen zählen will? Und falls ja, wer will feststellen, ob es sich hier tatsächlich um “the first” handelt? Das dürfte angesichts der Sachlage (viele Filme aus der Frühzeit des Kinos sind verschollen) selbst für Fachleute schwierig werden.

Egal, “the first” hin oder her! The Avenging Conscience ist ein “great” Film, der mir sehr gut gefällt! Eine fast intakte 35mm-Kopie davon wurde erst kürzlich entdeckt, vorher galt der Film aufgrund des schlechten Ausgangsmaterials als önwötscheböl (“unwatchable”). Es handelt sich dabei um ein eher vernachlässigtes Werk D.W. Griffiths; er hat es direkt vor seinem berühmt-berüchtigten Monumentalfilm The Birth of A Nation mit kleinem Budget gedreht.

The Avenging Conscience glänzt mit einer stringent aufgebauten Handlung und der für den frühen Griffith typischen Spannungsdramaturgie, beides gestützt durch erstaunliche Schauspielerleistungen und angelehnt an Gedichte Edgar Allan Poes. Der Film führt zudem den Beweis, dass dieser begnadete Filmpionier auch mit kleinem Budget einen tollen Film fertigen konnte.

Der Neffe (Henry B. Walthall) trifft sich darin immer wieder mit seinem Liebchen (Blanche Sweet). Namen gibt Griffith seinen Figuren keine, und nur der Onkel (Spottiswoode Aitken) und der Neffe werden in einem kurzen, aber effektiven Prolog mit einer Vergangenheit und einer Psychologie ausgestattet. Das reicht aus, denn diese beiden Charaktere bilden das Rückgrat des Films. Der Rest ist Statisterie und bleibt anonym.

Der Onkel, welcher als Vormund seines Neffen waltet, widersetzt sich den immer häufiger werdenden amurösen Ablenkungen, schliesslich soll sein Schützling arbeiten und etwas Rechtes werden.
Und wie das so oft geschieht: Aus Wut und Frustration keimen Mordgedanken. Unser Held, das wird bald deutlich, ist psychisch nicht allzu stabil, die schwarzen Gedanken beginnen ihn zu verfolgen – bis er tatsächlich zur Tat schreitet. Walthall spielt das absolut überzeugend, und es ist praktisch sein Spiel allein, welches Aufschluss über seine Verfassung gibt und die Spannung immer höher steigen lässt.
Inszeniert ist das Ganze zunächst mit grösstmöglicher Nüchternheit, aus welcher Walthalls darstellerische Nuancen umso wirkungsvoller hervorstechen. Wie er das spielt, sein Liebäugeln mit dem Gedanken, der Zweifel, und immer wieder dieses leicht irre Lächeln, das bekommt vor dem Hintergrund der brav-verhaltenen viktorianischen Kulisse eine fast schockierende Wirkung.

Nach der Ermordung des Onkels schlägt die Inszenierung eine andere Gangart ein: Nun scheint auch sie aus den Fugen zu geraten. Jesus-Visionen tauchen auf, der Geist des Ermordeten stapft wie eine Nosferatu-Antizipation durch die Szenerie, Fratzen und Schimären winken von Ferne. Das alles spiegelt den Geisteszustand des Neffen wieder, der zudem auch noch von der Polizei heimgesucht wird. Die Unterredung des Neffen mit den Polizeiinspektor gehört zu den darstellerischen Höhepunkten des Films: Während sich der Neffe äusserlich um unauffällige Freundlichkeit bemüht, machen sich in seinem Kopf die Schreckensvisionen breit.

Ein toller, wenig bekannter Film, den ich Stummfilmfans nur empfehlen kann! The Avenging Conscience dürfte einer der ersten Filme sein, der innere Vorgänge derart  konsequent visualisiert – wobei wir wieder bei der Frage sind, ob es sich hier wirklich um einen Horrorfilm handelt. Wenn man spätere Werke des Horrogenres betrachtet, so findet man dort zahlreiche ähnlich geartete Beispiele: Ein Protagonist wird durch Visionen und innere Bilder gemartert und verliert immer mehr den Kontakt zur Wirklichkeit. Obwohl die erste Hälfte und der Schluss geradezu idyllisch anmuten, kann man The Avenging Conscience tatsächlich als Horrorfilm bezeichnen.

Poes Gedichte verwebt Griffith meiner Ansicht nach meisterhaft in die Handlung hinein. Vor allem deren zwei hatte er für diesen Film ins Auge gefasst, The Tell Tale Heart und Annabelle Lee, die er zu etwas Neuem und Eigenständigem verschmilzt.

Und nun folgt ein Spoilerchen: Der Schluss wirkt auf den ersten Blick abgedroschen: Alles war nur ein bösr Traum. Doch die Tatsache, dass man als Zuschauer mit Erleichterung statt mit Unmut auf diesen wohl damals schon angegrauten dramaturgischen Kniff reagiert, spricht für Griffiths Kunst, Spannung bis ins Unerträgliche aufzubauen. Und darin war er zur Entstehungszeit dieses Films der absolute Meister!

Die DVD-Ausgabe: Der Film hat sehr gute Bildqualität, ein scharfes, klares Bild, sehr gute Tiefenschärfe und guten Kontrast. Es gibt zwei, drei kurze Stellen, wo sichtbar wird, dass zwecks Komplettierung auf eine andere, weniger gut erhaltene Quelle zurückgegriffen werden musste. Für diese DVD wurde eine sehr gut erhaltene 35mm-Nitrat-Kopie (aus der Rohauer-Collection) verwendet.

Die Musikbegleitung stammt von Martin Marks. Es handelt sich um eine Klavierbegleitung, die mich restlos überzeugt! Marks ist Spezialist für Stummfilmmusik; er begründet seine adäquate und mitreissende Musikuntermalung in den Extras dieser DVD. Toll. Muss gleich mal sehen, ob es von ihm weitere Filmmusiken gibt…

Extras: Den frühen, siebenminütigen Griffith-Kurzfilm Edgar Allan Poe von 1909 und Notitzen zur Musikbegleitung von Martin Marks.

Reginalcode: 0

Bestellung: Ich hatte den Film als Einzel-DVD aus den USA bestellt – es gibt ihn auch in der 5-DVD-Box Griffith Masterworks 2 von Kino International zu kaufen.
Die Einzel-DVD mit dem Film gibt es zur Zeit (30. Januar 2010) am günstigsten hier.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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-> Zum Verzeichnis der hier besprochenen Filme

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