THE MATINEE IDOL (1928)

USA 1926
Regie: Frank Capra
Mit Bessie Love, Johnnie Walker, Ernest Hilliard, Lionel Belmore, David Mir u.a.
Dauer: 58 min

Je weiter man sich zurückbewegt in der Filmgeschichte, desto mehr verschollene Filmtitel tauchen auf. Aus der Stummfilmzeit gibt es eine hohe Anzahl Filme, von deren Existenz man zwar weiss, die aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr auffindbar sind.

Jedoch: Ab und zu taucht einer dieser Filme auf wundersame Weise und unverhofft wieder auf – so wie das vor kurzem mit wichtigen und verloren geglaubten Teilen von Fritz Langs Metropolis geschehen ist, die in einem argentinischen Filmarchiv zum Vorschein gekommen sind. Die Freude über einen solchen Fund ist bei Fachleuten und Fans natürlich jeweils gross, erst recht, wenn der Regisseur Fritz lang heisst – oder Frank Capra, wie im hier vorliegenden Fall.

Ein Nitratabzug des verschollenen Capra-Stummfilms The Matinee Idol wurde in den Neunzigerjahren in den Tiefen der cinémathèque française entdeckt. Der war die ganze Zeit dort und keiner wusste es – genau wie die Metropolis-Sequenzen in Argentinien. Inzwischen ist The Matinee Idol restauriert worden, die englischen Texttafeln erneuert (die Kopie aus der cinémathèque hatte französische Zwischentitel) und das Bild digital aufgefrischt. Mittlerweile ist das Werklein auf DVD erhältlich und man muss sagen, der Aufwand hat sich gelohnt! The Matinee Idol ist eine charmante Komödie über den Abstecher einer fahrenden Theatertruppe auf die grosse Bühne des Broadway.

Natürlich hat Capra später stärkere Werke gedreht, aber das ist nicht der springende Punkt. The Matinee Idol besticht durch seinen Charme, eine glänzende Besetzung, und das perfekte komödiantische Timing des Regisseurs. Der Film hält mühelos Schritt mit den Komödien seiner Zeit und unterhält noch heute bestens.

Zudem ist er ein interessantes Zeitzeugnis: Seine Hauptfigur, Don Wilson arbeitet als blackface comedian. Mit schwarz angemaltem Gesicht wie Emil Jannings in Othello, tritt er öffentlich als falscher Schwarzer mit Gesangs- und Tanzdarbietungen auf. Ein rassistischer Film also? Nein, ein solcher Vorwurf schösse zu weit über das Ziel! Die blackface comedians gehörten damals zum Broadway, Capra und sein Stab bilden nur ab, was damals war. Zudem dient das schwarze Gesicht später im Film als Tarnung.
Auch die fahrende Theatertruppe mit ihrem unsäglichen Bürgerkriegs-Drama lässt die damalige Zeit und ihre Gepflogenheiten aufleben.

Das Auto von Blackface-Star Don Wilson (Johnny Walker) und seinen Managern gibt genau vor dem Theaterzelt der Bolivar-Players seinen Geist auf. Ginger Bolivar (Bessie Love), welche die fahrende Theatertruppe managt, sucht gerade verzweifelt nach einem Freiwilligen, der einen gefeuerten Nebendarsteller ersetzen könnte. Die resolute Chefin hält den gestrandeten, hinter dem Zelt umherirrenden Broadwaystar für den gesuchten Freiwilligen und drängt ihn auf die Bühne. Dabei verliebt dieser sich in die aufgebrachte Theaterfrau.

Als einer seiner Manager die Bolivar-Players als Lachnummer für Wilsons Broadway-Show anheuern will, willigt Wilson ein – in der Hoffnung, Ginger dadurch näher zu kommen. Nun beginnt ein Versteckspiel, denn Ginger darf nicht erkennen, wer der tolpatschige Nebendarsteller in Wirklichkeit ist, nicht zuletzt, weil er Mitschuld daran trägt, dass sie und ihre chaotische Truppe öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Der Film glänzt mit einigen sehr schönen Sequenzen, allen voran die malerischen Szenen mit den Bolivar-Players, deren komisch-dilettantische Aufführung wohl Buster Keaton für seine ganz ähnliche Theater-Sequenz als Vorbild in Spite Marriage gedient hatte. Sogar die Kulissen scheinen die gleichen zu sein.

Die DVD-Ausgabe: Der Film hat hervorragende Bildqualität, ein scharfes, klares Bild, sehr gute Tiefenschärfe und guten Kontrast. Es gibt zwei, drei Stellen, wo deutlich wird, dass eine kurze Sequenz fehlt. Sonst gibt es hier aber wirklich gar nichts zu bemängeln!
Mit drauf ist eine interessante, 90-minütige Dokumentation über Frank Capra und seine Filme.

Die Musikbegleitung stammt von Robert Israel und ist dem Film absolut angemessen. Ich bin immer wieder begeistert von Israels Filmmusiken, er schafft es, die einzelnen Sequenzen so richtig zum Leuchten zu bringe! Seine Komposition wird von einem engagierten Kammerensemble gespielt.

Reginalcode: 1

Bestellung: Ich hatte den Film als Einzel-DVD aus den USA bestellt – er ist allerdings auch in Deutschland erhältlich, in einer 8-DVD-Box mit anderen Capra-Filmen.
Die Einzel-DVD mit dem Film gibt es nur in den USA (Columbia/TriStar), man kann sie zur Zeit (23. Januar 2010) am günstigsten hier bestellen. Um hier einen Anbieter zu finden, der nach Europa versendet muss man sich bis kurz vor den Checkout durchklicken. (Versandkosten nach Europa: $12).
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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-> Zum Verzeichnis der hier besprochenen Filme

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